Die Familie – eine bedrohte, aber heiß ersehnte Lebensform

20.10.2015

Individualisierung, staatliche Allmachtsansprüche und Druck der Arbeitswelt höhlen die Familien aus. Die Jugend wünscht sie sich dennoch.

Derzeit tagen in Rom Kardinäle und Bischöfe und beraten über den Umgang der katholischen Kirche mit der Familie. Ob es dabei vorrangig um theologische Spitzfindigkeiten oder auch um Grundlegendes geht, werden wir bald erfahren. Abgesehen von theologischen Fragen ist der Bestand der Lebensform Familie in den Industrienationen immer mehr bedroht.

Einerseits ist die Familie durch die zunehmende Individualisierung in Frage gestellt, das reicht von der Arbeitswelt bis zum Steuerrecht. Politik, Wirtschaft und Gewerkschaft sehen vor allem die Einzelperson und deren Nutzen für Staat und Wirtschaftsleistung. Danach richtet sich das Modell, auf das alle staatlichen Rahmenbedingungen zugeschnitten sind: Männer und Frauen sollen möglichst Vollzeit arbeiten, die Kinder möglichst früh, am besten wenige Monate nach der Geburt, in staatliche Betreuung und Erziehung gegeben werden, die Alten werden von professionellen Pflegekräften betreut. Zeit und Raum für ein Familienleben bleiben bei diesem Konzept kaum übrig.

Wir beobachten derzeit in Österreich, das im Vergleich zu anderen Industrienationen noch relativ engagiert Familienpolitik betreibt, zunehmend Rückschritte: Da fordern Gewerkschaft und Wirtschaft einmütig das Ende des Rechts auf Elternteilzeit, ungeachtet der Tatsache, dass die Mehrheit der Mütter kleiner Kinder gerne Teilzeit arbeiten möchte. Familie als zentraler Ort von Bindung und Erziehung wird nicht nur durch die Arbeitswelt immer mehr ausgehöhlt, sondern auch durch eine alles durchdringende Ideologie. Da planen VP-Familienministerin und SP-Frauenministerin, den Familien statt Geld- lieber Sachleistungen anzubieten. Man will damit den Eltern die Kompetenz und die Möglichkeit entziehen, selbst zu entscheiden, was sie als das Beste für ihr Kind halten.

Dazu passt, dass sich der Staat zunehmend in die Erziehung einmischt, statt sich auf Bildungsaufgaben zu beschränken, so etwa beim heiklen Thema Sexualerziehung. Im Juni erst wurde der neue – und heftig umstrittene – Erlass des Bildungsministeriums zur Sexualpädagogik an Schulen herausgegeben. Und bereits Anfang des neuen Schuljahres ist erkennbar, dass man nicht daran denkt, sich an den mühsam errungenen Kompromiss zu halten: Die Eltern sollten nämlich weiterhin die zentrale Rolle in der Sexualerziehung spielen. In Kürze werden jedoch an allen Wiener Schulen Plakate affichiert, die bei Schülern um Verständnis für ihre „schwulen, lesbischen, bi und transgender LehrerInnen“ werben sollen – auch in Volksschulen! Die Eltern und Elternvertreter wurden im Vorfeld über die Aktion nicht einmal informiert.

Der Staat zieht immer mehr Kompetenzen, die eigentlich in der Familie angesiedelt sind, an sich, ohne sie erfüllen zu können. Das ist eine gefährliche Entwicklung. So etwa konnten wir bei der Griechenland-Krise beobachten, was geschieht, wenn staatliche Institutionen versagen, und das kann sehr rasch passieren. Gut überstanden haben die schlimmste Zeit der Krise jene, die auf starke Familienbande zurückgreifen konnten.

Vor allem junge Familien sind häufig von den Anforderungen, die von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft an sie gestellt werden, völlig überfordert. Kein Wunder, dass sich viele überlegen, ob sie überhaupt Kinder wollen. Die Arbeitgeber machen es ihren Angestellten oft nicht leicht, eine Familie zu gründen, und niemand will in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit seinen Job riskieren. Kinder zu haben, ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern ein Projekt, das möglichst perfekt gelingen soll.

Trotz all der Schwierigkeiten und finanziellen Nachteile ist Familie eine wunderbare und unersetzbare Lebensform. Junge Menschen wünschen sich heute in überwiegender Mehrheit, einmal eine traditionelle Familie zu gründen, trotz oder gerade deshalb, weil es sie immer seltener gibt. Es ist Aufgabe der Politik, diesen Wunsch ihrer Bürger zu unterstützen und Familie als zentralen Ort von Bindung und Erziehung zu respektieren.