Die blinden Flecken der Geschichte

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Österreich 1927-1938

in zweiter Auflage!

 

Rezensionen:

FAZ, 27.6.2017:

"Schwarze, Rote, viele Tote. Österreich 1927 bis 1938"

"Gudula Walterskirchen, eine österreichische Historikerin und Publizistin, die regelmäßig in der Wiener "Presse" die Zeitläufe aus konservativer Sicht kommentiert, will "blinde Flecken" der Geschichte ihres Landes sichtbar machen. Es geht um die zunehmend erbitterte Auseinandersetzung zwischen den regierenden Christlichsozialen und den Sozialdemokraten im Jahrzehnt vor dem "Anschluss" durch Hitler-Deutschland 1938. Eine geläufige Deutung jener Jahre lautet: Das immer autoritärer regierende "schwarze" Regime habe mit der Ausschaltung des Parlaments 1933 den "Austrofaschismus" etabliert, der dann zur begeisterten Begrüßung Hitlers auf dem Heldenplatz, zum Nationalsozialismus und in den Zweiten Weltkrieg geführt habe.

Diese Sicht kann als gesellschaftlich vorherrschend angesehen werden. Kinder lernen in Wiener Grundschulen, dass im "Bürgerkrieg" 1934 die Sozialdemokratie endgültig niedergeworfen und die letzte Chance zur Rettung der Demokratie vertan worden sei. Überall im Lande erinnern Denkmale an die "Opfer des Faschismus 1934-45". Diese Zusammenfassung ist schon deshalb Unfug, weil die "Austrofaschisten" - oder wie immer man sie nennen mag - die erbittertsten Feinde der Nationalsozialisten waren. Walterskirchen setzt denn auch dieser Geschichtssicht und Gedenkkultur begründeten Widerstand entgegen. Punktuell geht sie die Schlüsselereignisse ab und zieht Quellen heran, die sonst gern vernachlässigt werden.

Walterskirchen versucht nicht, Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg zu lupenreinen Demokraten zu stilisieren. Aber sie schildert eben die andere Seite. [...] Spannend ist die These, dass nicht nur der Juli-Putsch 1934 von Berlin gesteuert wurde, währenddessen Dollfuß durch österreichische Nazis ermordet worden sei. Auch im Februar 1934, als das Dolfuß-Regime einen Aufstand durch Angehörige einer sozialdemokratischen paramilitärischen Truppe ("Schutzbund") niederschlug, hätten die Nationalsozialisten von Deutschland aus das Geschehen durch "Agents Provocateurs" herbeigeführt. Walterskirchen hat nicht sensationell neue Quellen aufgetan, um diese These zu untermauern. Sie stützt sich unter anderem auf Erinnerungen Hans von Hammersteins, damals Sicherheitsdirektor von Oberösterreich, die schon 1981 publiziert wurden. Hammerstein berichtet etwa von Grenzprovokationen durch österreichische Exil-Nazis, die von Deutschland aus agierten. Zitiert werden auch Erinnerungen von sozialdemokratischer Seite, die nahelegen, dass die unter Dollfuß verbotenen Nationalsozialisten die Hände im Spiel hatten. Und die NS-Verstrickungen von Schlüsselfiguren wie Richard Bernaschek, der das Fanal für die Kämpfe gab, sind ebenfalls bekannt, werden aber selten beleuchtet.

Zu Recht kritisiert Walterskirchen das Wort "Bürgerkrieg", auch wenn der von ihr verwendete Begriff "Februarereignisse" etwas sehr hölzern und relativierend klingt. Zu Tode kamen ihr zufolge an die 360 Menschen. Sie waren keinesfalls alle "kämpfende Arbeiter", sondern zu einem beträchtlichen Anteil zufällige Passanten oder Schaulustige, die ins Feuer beider Seiten gerieten, sowie Polizisten und Gendarmen. Dass das Heer mit Artillerie auf die zu Festungen verschanzten Gemeindebauten schoss, trifft zu - allerdings auch, dass der Einsatz nicht explosiver Übungsmunition befohlen wurde. Es sei kein einziges durch Artillerie zu Tode gekommenes Opfer zu identifizieren, zitiert die Autorin entsprechende Forschungen. Die vor drei Jahren aufgekommene Behauptung, Dollfuß habe den Einsatz von Giftgas befohlen, beruht auf einer geradezu mutwillig missverstandenen Quelle. Ganz zweifellos haben jedoch die Kämpfe 1934 und die von Dollfuß angeordnete Vollstreckung an neun zum Tode verurteilten aufständischen Sozialdemokraten die Beziehung zwischen "Roten" und "Schwarzen" in Österreich nachhaltig vergiftet - mit fatalen Folgen, die sich spätestens 1938 zeigten."

Die Furche:

"Was Gudula Walterskirchen jedoch mit diesem Buch - einmal mehr - unternimmt, ist das lobenswerte Unterfangen, die herrschenden Einseitigkeiten des immer wieder parteipolitischen Diskurses aufzubrechen und Schattierungen anzubringen, welche die nach wie vor dominierende Schwarz-Weiß-Zeichnung unterlaufen."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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