Wer nimmt Rücksicht auf die Kinder? Willkommen in der Gerontokratie!

04.12.2020

Eine Gesellschaft, die nicht auf die Zukunft der Kinder und der Jugend achtet, hat keine Zukunft.

Vor hundert Jahren steckte Europa in einer tiefen Krise: Der Weltkrieg zerstörte den Kontinent, Millionen umgekommen, in Österreich eine Hungersnot – und zeitgleich wütete die schlimmste Pandemie seit Menschengedenken. Liest man Tagebücher aus jener Zeit, dann war das Denken und Handeln der Menschen in dieser Weltuntergangsstimmung vor allem auf eines gerichtet: Auf das Überleben der Kinder.

Heute gibt es keinen Krieg, keine Hungersnot und die aktuelle Pandemie stellt uns zwar vor große Herausforderungen, ist aber glücklicherweise weniger tödlich. Heute wird allerdings von den Kindern und Jugendlichen verlangt, für die Älteren Verantwortung zu übernehmen. 

Auf die psychische und körperliche Gesundheit der Kinder wird dabei keine Rücksicht genommen, sondern diese ohne Bedenken beeinträchtigt und nachhaltige Schäden in Kauf genommen. So etwa blieben Kinder in Spanien und Italien wochen- ja monatelang in engen Wohnungen eingesperrt, durften nicht ins Freie. Eltern schlugen Alarm wegen zunehmender Verhaltensstörungen der Kinder, aber erst nach massiven Protesten erlaubten die Regierungen zumindest kurze Spaziergänge. In Spanien und Frankreich müssen alle Schulkinder seit Wochen während des gesamten Unterrichts Masken tragen. Dass dies vor allem für jüngere Kinder seelische und körperliche Schäden nach sich zieht, ist offenbar nebensächlich. 

Dazu kommt, dass in dieser Phase Gewalt gegen Kinder zugenommen hat, auch in Österreich. Das belegen etwa die stark steigenden Anrufe bei „Rat auf Draht“, die Dunkelziffer ist hoch. Kinder- und Jugendpsychologen berichten über starken Zulauf wegen psychischer Belastungen. Bei Schulschließungen werden Kinder und Jugendliche gezwungen, stundenlang täglich vor dem Bildschirm zu hocken. Genau das, was verantwortungsvolle Eltern vermieden und wovor Experten immer gewarnt haben. All dies müsste dringend hinterfragt und das Risiko abgewogen werden, denn Kinder sind durch das Virus kaum gefährdet. Es geht um die Erwachsenen, die sie schützen sollen. 

In Europa werden von den Staaten derzeit gigantische Schulden gemacht, um die wirtschaftlichen Schäden durch die Lockdowns abzufedern. Es werden die künftigen Generationen sein, die dafür zahlen werden. Es sind die jüngeren Menschen, die neben den Frauen am meisten unter der Krise leiden, wie jüngst eine heimische Studie belegte. Ihre Bildung wird vernachlässigt, sie arbeiten vermehrt in prekären Beschäftigungsverhältnissen oder bekommen gar keinen Job. Schon zuvor konnten sie schwerer eine Familie erhalten und Eigentum erwerben, als noch ihre Eltern- und Großelterngeneration, und sie haben wenig Aussicht auf eine Pension, von der man leben kann. 

All dies spielt in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle. Hier dominiert eine Umkehrung der normalen Verhältnisse, dass nämlich Erwachsene das Wohl der Kinder und Jugendlichen im Auge haben müssten. Anstatt Verständnis für deren schwierige und belastende Situation aufzubringen, dominieren bei vielen Älteren Egoismus und Schuldzuweisung. 

Dennoch: Auch viele Eltern und Großeltern machen sich um die Zukunft der Kinder und Jungen Sorgen. Deren Ängste, Sorgen und Bedürfnisse wurden bisher kaum wahrgenommen, sie mussten sich den Interessen der Wirtschaft, der Politik, der Gesundheitsbehörden und der Senioren unterordnen. Die Kinder haben keine Interessenvertretung, kein Stimmrecht. Doch ebenso wie die Gesundheit der älteren Generation müssen auch die Kollateralschäden für die junge Generation in die Waagschale geworfen werden. Derzeit steht die Waage sehr schief. 

Letztlich tragen die Erwachsenen für sich selbst die Verantwortung und dazu noch für die Kinder. Die Politik sollte nicht nur kurzfristig handeln und nach der dominanten Wählergruppe schielen, sondern vor allem die Zukunft unserer Kinder im Auge haben. Denn eine Gesellschaft, die nicht auf die Zukunft ihrer Kinder achtet, hat keine Zukunft.