Ein See-Paradies stirbt im Namen des Naturschutzes

12.10.2020

Das Problem des Neusiedler Sees ist nicht nur sein schwankender Wasserstand, sondern auch ein irregeleiteter Naturschutz und eine bedenkenlose Nutzung des Umlandes.

Der Neusiedler See ist gerade heuer ein wichtiger Erholungsraum und wahrhaft ein Naturjuwel. Am östlichsten und größten See Österreichs gibt es Säbelschnäbler, Reiher, Strandläufer und viele andere seltene Vogelarten – darunter auch den Vogelstrauß. Letzteren allerdings nur in der Politik, die in den letzten Jahrzehnten konsequent den Kopf in den Sand, oder besser in den Schlamm gesteckt hat. 

Denn weder der aktuelle Landeshauptmann Doskozil noch seine Vorgänger wollten sich ernsthaft den Problemen des sensiblen Sees stellen. Der eifrige Straßenbauer Theodor Kery wollte noch eine Betonbrücke über den See bauen, das Projekt wurde zum Glück nie verwirklicht. In den Achtzigern begann die Öko-Bewegung. Der See wurde zum Naturschutzgebiet Gebiet erklärt und gemeinsam mit den angrenzenden Lacken zum RAMSA Vogelschutzgebiet. Gleichzeitig wurde das Umland immer intensiver genutzt, auch für Windkraftanlagen. Dazu kam der Klimawandel. Die Sommer wurden immer heißer und die Winter immer trockener.

All das führt dazu, dass der See in einem immer schnelleren Tempo stirbt. Er trocknet nämlich nicht nur aus, um sich dann in einer feuchteren Periode wieder aufzufüllen, wie das in seiner Geschichte schon geschehen ist. Das wäre schlimm genug. Der Neusiedler See verschwindet, er verlandet. Das geht schon seit Jahrzehnten so, nur wurde es von der Politik, den Naturschützern und den Umlandgemeinden konsequent ignoriert. Denn seit Jahrzehnten wächst das Schilf den See immer mehr zu. Daran würde auch das aktuell wieder aufgewärmte und umstrittene Projekt, Donauwasser einzuleiten, nichts ändern. 

Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde das Schilf für die Landwirtschaft und als Baumaterial genutzt. Dann lohnte sich der aufwändige Schilfschnitt nicht mehr. Danach wurde regelmäßig abgebrannt. Doch der Naturschutz untersagte dies, und nun breitet sich das Schilf ungehemmt aus. Das Schilf bietet aber nicht nur einen Brut- und Lebensplatz, es ist auch ein Killer. Da die Halme nicht mehr geerntet werden, knicken sie um und verrotten. Das führt zu Fäulnis, Sedimente setzen sich ab, es fehlt Sauerstoff. Jedes Jahr sterben im Schilfgürtel massenweise die Fische. Jedes Jahr bildet sich mehr Schlamm. Das führt dazu, dass die Wassertiefe immer geringer wird, zusätzlich zum schwankenden Wasserspiegel. So kann sich das Schilf noch mehr ausbreiten. Das Schilf verbraucht selbst eine Menge Wasser, es trocknet den See aus. Auf dem trockenen Schlamm wachsen Pflanzen, Büsche, Bäume. Dieser Prozess ist nicht mehr umkehrbar. Da hilft auch kein heftiger Regen. Somit bedeutet der übertriebene Schutz des Schilfgürtels letztlich den Tod der Tiere, die in und auf ihm leben.

Dazu kommen noch die ökologisch angeblich so wertvollen Windräder. Doch diese haben ebenfalls negative Auswirkungen auf das Ökosystem. Ausgerechnet am Rande des RAMSA-Gebietes erstrecken sich riesige Windparks mit Hunderten Windrädern. Die meisten gehören dem landeseigenen Energieversorger. Im Seewinkel registriert man seit Jahren einen Rückgang der Zugvögel. Kein Wunder bei dieser Flug-Barriere. Studien zufolge weichen vor allem Wasservögel dann weiträumig aus und suchen andere Brutplätze. Im Seewinkel registriert man auch ein überdurchschnittliche Zunahme von Trockenheit. Nun gibt es umfangreiche Studien aus den USA, die hier einen Hinweis geben. Es wurde nachgewiesen, dass im Bereich von Windparks sowohl die Temperaturen als auch die Trockenheit zunehmen. Durch die Rotorblätter werden die bodennahen Luftschichten verwirbelt. Ein Problem, das hierzulande niemanden zu kümmern scheint. Der Windpark wird weiter ausgebaut.

Der Neusiedler See ist ein Paradebeispiel dafür, wie fehlgeleiteter „Naturschutz“ und ignorante Politik ein Naturjuwel und eine ganze Region gefährden. Man kann weiterhin wegschauen, das Problem kleinreden und nichts tun. Der See wird dann verschwinden. Für immer.