Hohe Geschwindigkeit macht krank und Homöopathie nicht gesund

12.10.2020

Die Wissenschaftsgeschichte ist eine Abfolge von Irrtümern. Das ist kein Problem, wenn man Pioniere und Kritiker als Chance für neue Erkenntnisse ernst nimmt.

Auf der Weltkarte des Hakataios von Milet aus dem 6. Jahrhundert vor Christus wird die Erde als Scheibe dargestellt, mit einer zusammenhängenden Landfläche, die das Mittelmeer einschließt und vom Ozean umflossen ist. Sie stellt die damals bekannten Weltteile dar, nämlich Europa, Teile Asiens und Nordafrika. Dass die Erde eine Kugel ist und weit mehr Erdteile und Meere umfasst, war noch nicht erforscht. Sie existierten trotzdem.

Als George Stephenson, der Erfinder der Dampflok, im Jahr 1825 die erste Eisenbahnstrecke zwischen Manchester und Liverpool beantragte, scheiterte er. Das Unterhaus des Königreichs Großbritannien holte ein Gutachten der hochangesehenen Pariser „Académie des sciences“ ein, die zum Schluss kam, die hohe Geschwindigkeit von umgerechnet etwa 30 km/h könne eine Gehirnerkrankung, das „Delirium furiosum“ hervorrufen. Heute sitzen wir völlig selbstverständlich in Flugzeugen mit einer Reisegeschwindigkeit von 800 km/h und mehr.

Bis ins 19. Jahrhundert starben viele Mütter am sogenannten „Kindbettfieber“. Dem Chirurgen und Geburtshelfer Ignaz Semmelweis fiel auf, dass vorwiegend Frauen betroffen waren, die mithilfe von Ärzten in Kliniken entbunden hatten, nicht jene durch Hebammen. Er führte dies auf die mangelnde Hygiene in den Krankenhäusern und bei seinen Kollegen zurück und wollte strenge Hygienevorschriften einführen. Die Existenz von Bakterien war damals noch nicht bekannt. Er führte eine Studie durch, die dennoch einen Zusammenhang mit Leichensektionen und der Sterblichkeit der Mütter nachwies. Semmelweis‘ bahnbrechende Erkenntnis wurde nicht anerkannt, ganz im Gegenteil wurde er von den Kollegen angefeindet, in die „Irrenanstalt“ Döbling eingewiesen und starb dort wenig später im Alter von nur 47 Jahren unter dubiosen Umständen.

Heute beobachten wir ebenfalls „Glaubenskriege“ in der Wissenschaft, besonders anschaulich im Fall der Homöopathie. In Österreich wurde sie 2018 als Unterrichtsfach von der Medizinischen Universität Wien verbannt, da es sich laut dem Rektor um „Scharlatanerie“ handle. Allerdings arbeiten viele Ärzte und Spitäler auch mit Homöopathie und bei den Patienten erfreut sich diese Methode zunehmender Beliebtheit. In der öffentlichen Auseinandersetzung jedoch tobt eine Art Glaubenskrieg, die einer Hexenjagd gegen Homöopathen gleichkommt. In der medialen Darstellung wird diese Heilmethode ausschließlich negativ dargestellt, ja verteufelt. Sie sei nicht nur wirkungslos, sondern gefährlich, wird gewarnt. Zu Wort kommen dabei vor allem leidenschaftliche Gegner, Befürworter hingegen werden selten befragt, und wenn doch, dann als gefährliche Irre dargestellt. Der mündige Patient, der selbst entscheidet, welche Behandlungsmethode er wählt und welchen Präparaten und Ärzten er vertraut, existiert in diesem Dogma nicht.

Die Begründung ist stets die gleiche: Homöopathie sei wirkungslos, weil kein Wirkstoff in den Globuli nachgewiesen werden könne. Gleichzeitig sei sie auch gefährlich, weil auf andere Medikamente mit chemisch nachweisbaren Stoffen verzichtet würde. Immerhin wird zugestanden, dass keine Nebenwirkungen nachweisbar seien.

Im Hinblick auf die vielen Irrungen in der Wissenschaftsgeschichte sind derlei Postulate ein Gang auf dünnem Eis. Denn die Fortschritte der Wissenschaft sind enorm, ständig wird Neues entdeckt, ständig gibt es neue Mess- und Forschungsmethoden. So etwa lernten wir als Schüler in den 1980ern noch, dass das kleinste Teilchen ein Elektron sei, etwas Kleineres gebe es nicht.  Dann wurden die Quanten entdeckt und damit neue Dimensionen der Physik, wie etwa deren Verschränkung, auch „geisterhafte Fernwirkung“ genannt, und dem absoluten Zufall. 

All diese Beispiele zeigen: Denkverbote, Verbannung aus dem Bereich der universitären Forschung und Ausbildung sowie Hexenjagden sind jedenfalls sicherlich nicht im Sinn der Wissenschaft und Hemmen den wissenschaftlichen Fortschritt.