Das Leben zu beenden ist eine vermeidbare Tragödie, keine Lösung

12.10.2020

Die Bemühungen um Suizidprävention sind groß. Es sind vor allem psychisch Kranke, die ihr Leben beenden wollen, selten Schmerzpatienten.

Der 10. September ist ein internationaler Aktionstag, der meist unbeachtet bleibt: Es ist der Tag der Suizidprävention. Medien berichten generell kaum über Suizide. Die Begründung: Es sollen keine Nachahmer provoziert werden. Das hat etwas für sich. Allerdings hat es dazu geführt, dass Selbsttötung zum Tabuthema wurde. Wer weiß schon, dass Österreich bei den Suiziden über dem EU-Schnitt liegt? Dass bei den unter 50-Jährigen die zweithäufigste Todesursache ein Suizid ist? Dass dreimal mehr Menschen jährlich durch Suizide sterben als bei Verkehrsunfällen? Jährlich gibt das Gesundheitsministerium einen Bericht zur Suizidprävention heraus, in der all dies nachzulesen ist.

Dennoch: Seit 1986 sinkt die Zahl jener Menschen, die ihrem Leben selbst ein Ende bereiten. Zu danken ist dies vor allem einer engagierten Präventionsarbeit von Medizinern, Psychiatern, Psychotherapeuten und Ehrenamtlichen, etwa in der Telefonseelsorge. Allerdings stammen die letzten verfügbaren Zahlen von 2018, für 2019 und das erste Halbjahr 2020 sind noch keine Daten veröffentlicht worden. Experten, wie etwa Christoph Pieh von der Donau Universität Krems erwartet für heuer einen Anstieg der Selbstmordrate. Denn Zeiten der Isolation und der wirtschaftlichen Krise sind für psychisch kranke Menschen besonders gefährlich.

Das führt uns zu den Ursachen, warum Menschen ihr Leben beenden wollen. Es ist erstaunlich, dass nicht eine unheilbare körperliche Krankheit oder unerträgliche Schmerzen die Hauptgründe sind. Es sind zu 90 Prozent psychische Erkrankungen, allen voran Depressionen, die zu Selbsttötungen führen. Psychiater betonen, dass Suizide eine der wichtigsten vermeidbaren Todesursachen seien. Der akute Todeswunsch bestehe meist nur kurz, daher sei eine rechtzeitige und rasche Intervention sehr effektiv.

Vor diesem Hintergrund muss sich der Verfassungsgerichtshof noch im September mit mehreren Anträgen befassen, die von professionellen Sterbehilfevereinen unterstützt werden. Sie wollen „Tötung auf Verlangen“ und „Beihilfe zur Selbsttötung“ legalisieren. Beides ist in Österreich derzeit verboten, und auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte macht keine Vorgaben, den assistierten Suizid zuzulassen. 

Die Entscheidung ist extrem heikel und die Richter werden es sich nicht leicht machen. 

 

Ungeachtet dessen ist es nicht nur eine Rechtsfrage, sondern eine moralische und politische Frage, ob das vorsätzliche Töten von Menschen oder die Beihilfe zur Selbsttötung, ganz gleich aus welchem Grund, künftig erlaubt sein soll. Hier würde eine Tür aufgemacht, die nicht mehr zu schließen ist. In Ländern, die dies zugelassen haben, zeigt sich die Problematik bereits deutlich. Die Grenzen werden immer mehr ausgeweitet, selbst Kinder und Personen mit einer Demenzerkrankung sind bereits betroffen. 

Die häufigsten Gründe, die Sterbewillige anführen, sind nicht unerträgliche Schmerzen, wie man annehmen sollte, sondern Angst vor Einsamkeit, Verlust der „Würde“ und Autonomie oder jemandem zur Last zu fallen. Als Gesellschaft müssen wir uns die Frage stellen, ob die richtige Antwort darauf sein soll, diesen Ängsten mit einer Beihilfe zur Selbsttötung zu begegnen? Und wie kann künftig Suizidprävention funktionieren, wenn die Gesellschaft und das Rechtssystem eine Beihilfe zur Selbsttötung bejaht, statt alles zu unternehmen, suizidgefährdeten Menschen Hilfe anzubieten, gut weiterleben zu können? Damit würde wohl eher auf die „Würde“ geachtet, als den Todeswunsch zu unterstützen.

In einer Zeit mit starkem Anstieg an Depressionen, Ängsten, Arbeitslosigkeit und höherer Lebenserwartung ist der Entscheid der Verfassungsrichter extrem sensibel. Denn es wird in naher Zukunft noch mehr Einsame, Arbeitslose, Depressive und Alte geben. Die Frage wird sein, welche Art von Hilfe wir ihnen anbieten werden? Wohl hoffentlich nicht jene zum Sterben, sondern Zuwendung, Trost und Hoffnung.