Italiens vermeidbare Katastrophe und der einsame Tod des Signor Rossi

12.10.2020

Das Totalversagen der Behörden und der Politik verursachten vielen Italienern unvorstellbares Leid. Langsam kommt dessen Ausmaß ans Licht.

Signor Rossi, so wollen wir ihn nennen, 84 Jahre alt, war ein rüstiger alter Herr. Seit Jahrzehnten wohnte er mit seiner Frau in Mailand. Als er vor zwei Jahren Anzeichen einer Demenzerkrankung zeigte und ihn dann noch ein leichter Schlaganfall beeinträchtigte, übersiedelte er in ein Pflegeheim. Eines der besten in Mailand, mit allem Komfort, nettem Personal und ausgezeichnetem Essen. Seine Frau besuchte ihn täglich, brachte ihm frisch gebügelte Hemden, sie gingen in die Cafeteria, an schönen Tagen spazieren oder saßen auf der Terrasse und plauderten. Es gefiel ihm im Heim. 

Dann kam Corona. Mailand wurde zur „roten Zone“ erklärt, am 9. März ein landesweiter Lockdown verfügt. Die Menschen durften nur in den nächstgelegenen Supermarkt, mit Masken und Handschuhen standen sie Schlage. Zwei Wochen nach dem Lockdown wurde in den Heimen ein Besuchsverbot erlassen, auch Telefonate waren kaum möglich. 

Frau Rossi hatte Sorge um ihren Mann, aber sie erfuhr nichts von der Heimleitung. Eine Pflegerin, mit der sie sich angefreundet hatte, hielt sie auf dem Laufenden. Ihr Mann konnte nicht verstehen, warum sie ihn plötzlich nicht mehr besuchte. Nach einigen Wochen erfuhr sie von ihrer Bekannten, dass Corona-Fälle im Heim aufgetreten seien, viele alte Menschen seien bereits gestorben. Alle Patienten mussten fortan in ihren Zimmern bleiben. Es sei wie im Gefängnis, der reinste Horror, erzählte die Pflegerin erschüttert. 

Doch woher kam das Virus, es war ja Besuchsverbot? Es seien Covid-Fälle ins Pflegeheim verlegt worden, erfuhr sie zu ihrem Entsetzen. Ihre Sorge wuchs, dass sich ihr Mann anstecken könnte. Tatsächlich hatte der Regionalpräsident der Lombardei bereits im März angeordnet, dass leichtere Fälle in Pflegeheime verlegt werden müssten. Die Spitäler müssten entlastet werden, da die Nachbarregionen sich weigerten, Kranke aus der Lombardei zu übernehmen. 

Das Personal in den Heimen verfügte jedoch über keinerlei Schutzkleidung, ja in etlichen wurde diese sogar verboten, weil sie anderswo dringender gebraucht würde, und wurde auch nicht getestet. Das Ergebnis: Ein Drittel der Heimbewohner war bis Ende April infiziert, jeder sechste Heimbewohner verstarb in dieser Region.

Herr Rossi infizierte sich nicht, aber er war in einer Art Isolationshaft. Nach viereinhalb Monaten durfte Frau Rossi ihren Mann endlich besuchen, allerdings im Krankenhaus. Sie musste einen Schutzanzug anziehen und war entsetzt über seinen Zustand. Er hatte eine Lungenentzündung entwickelt und wirkte verwirrt. Es ginge allen Patienten schlechter, berichtete die Pflegerin, durch den Bewegungsmangel im Zimmerarrest und die Isolation. Sein Zustand verschlechterte sich immer mehr. Er wurde wieder ins Pflegeheim verlegt. Einige Tage später erhielt sie die Todesnachricht. Sie hatte ihn selbst in seinen letzten Tagen und Stunden nicht mehr sehen dürfen. Frau Rossi ist traurig, aber auch erbittert. Sie kann nicht verstehen, warum die Politik und die Behörden so gehandelt haben. Warum man vorsätzlich alte Menschen gefährdet, isoliert und in Vereinsamung sterben lässt?

 

An den Schutz der Supermarkt-Kunden hatte man gedacht, aber nicht an die Patienten in den Heimen. In Italien waren daher mehr als die Hälfte der Covid-Toten im ersten Halbjahr 2020 Pflegeheimbewohner. Die Kollateralschäden und indirekten Todesopfer sind nicht bezifferbar. Gegen den Präsidenten der Lombardei und den Gesundheitslandesrat ermittelt die Staatsanwaltschaft. Sie erhielten Morddrohungen. Bei den kürzlich abgehaltenen Regionalwahlen stürzte ihre Partei ab. Doch auch in anderen Ländern verabsäumte man den Schutz der Pflegeheime: In Kanada beträgt deren Anteil an den Todesfällen, die von SARS-Cov2 ausgelöst wurde, 82 Prozent, in Spanien 59 Prozent, in Frankreich 51 Prozent und in Schweden 49 Prozent. In Österreich waren es 37 Prozent, die mobile Pflege wurde jedoch nicht erfasst.