Die gefährliche Sprengkraft der zornigen jungen Männer ohne Zukunft

12.10.2020

Die Unruhen in den USA und in Europa mögen ideologisch verbrämt sein. Ihre Ursachen sind Frustration, Wut und mangelnde Perspektive.

Seit Wochen kommen die USA nicht mehr zur Ruhe. Die Demonstrationen, Krawalle, Plünderungen und gewaltsamen Auseinandersetzungen breiten sich wie ein Flächenbrand aus. Gleichzeitig will Präsident Trump, der selbst stets verbal an der Eskalationsschraube drehte und weiter dreht, auch die Ausbreitung des Corona-Virus in den Griff bekommen.

Auch in Frankreich gibt es seit Wochen Ausschreitungen, es demonstrieren ebenfalls junge Leute. Es begann als Protest gegen die Maßnahmen der Regierung wegen der Pandemie, mittlerweile geht es ebenfalls um Rassismus und Polizeigewalt. Bereits seit vielen Jahren brennen immer wieder die Vorstädte von Paris, der Stadtkern ist von einer No-go-Area umgeben, die man tunlichst meidet, so ihm sein Leben lieb ist. 

Anfang Juni kam es auch in Rom zu heftigen Protesten, Auslöser waren die fortdauernden rigiden Isolationsmaßnahmen der Regierung und der folgende Zusammenbruch der Wirtschaft. Und selbst in Deutschland gibt es immer wieder gewaltsame Ausschreitungen, wie in Berlin oder zuletzt im sonst so friedlichen Stuttgart. 

Was all diese Ereignisse gemeinsam haben ist, dass es sich vorwiegend um aggressive, zornige junge Männer handelt, die ihrer Wut freien Lauf lassen und die in Gewalt und Zerstörung mündet.

Die etwas hilflosen Deutungsversuche der Behörden und professionellen Beobachter sind unterschiedlich: Es handle sich um Nationalisten, Rechtsextreme, Links-Autonome, Islamisten, Faschisten, unterdrückte Minderheiten oder Kommunisten. In Stuttgart sprach man jüngst gar von einer „Partyszene“, die hier Krawall gemacht habe. Was auch immer der Aufhänger oder das Etikett sein mag, das diesen eruptiven Gewaltexzessen angeheftet wird oder das auf Transparenten von den Betreffenden vor sich hergetragen wird – evident ist, dass sie sehr wütend sind.

Monatelang stand das öffentliche und soziale Leben weltweit praktisch still. Die Angst vor Corona und die Lockdowns in den meisten Ländern hielten die Menschen isoliert zu Hause. Nun beschäftigen immer stärker die wirtschaftlichen und sozialen Folgen die Bürger und die Regierungen. In dieser Krise werden Bruchstellen und Schwachstellen, die schon zuvor bestanden haben, überdeutlich sichtbar und spürbar. So etwa wurde der Aufschwung in den USA jäh gestoppt, es gibt derzeit 40 Millionen Arbeitslose – ein höherer Prozentsatz als in der Großen Depression der 1930er Jahre! Das Gesundheits- und Sozialsystem war schon zuvor schlecht ausgebaut, nun droht all diesen Menschen der totale Absturz: Sie fallen aus der Krankenversicherung, verlieren ihre Wohnung, ihre Lebensgrundlage. 

Auch in Europa befinden wir uns am Beginn der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Besonders betroffen sind davon junge Menschen, vor allem jene mit schlechter Ausbildung und Migranten. Auch in Österreich hat sich die Jugendarbeitslosigkeit mehr als verdoppelt. Schon vor Ausbruch der Krise machten junge Migranten den größten Anteil an den Arbeitslosen aus. Nun, durch die steigende Arbeitslosigkeit, haben sie kaum eine Chance auf einen Job. Noch haben wir ein soziales Netz.  Doch das Netz bekommt immer größere Löcher, weil das Geld fehlen wird, um diese zu stopfen.

Junge, frustrierte Männer ohne Zukunftsperspektive waren immer schon gefährlich und anfällig für radikale Ideen, zu jeder Zeit. Denken wir etwa an die jungen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, die ohne Perspektive aus dem Krieg heimkehrten. Sie stellten in Russland jene Revolutionäre, die die kommunistische Diktatur begründeten. Auf der anderen Seite waren es die jungen Arbeitslosen, die in den Zwanziger- und Dreißigerjahren scharenweise zu den Nationalsozialisten strömten. Das Ende der schrecklichen Geschichte kennen wir.

Wir dürfen die Jungen nicht im Stich lassen. Wir dürfen aber auch nicht zulassen, dass Gewalttätige sich ungehindert austoben, ganz gleich, welche Ideologien oder Ideen dafür herhalten müssen.