Bitte im Herbst kein Schulchaos mehr! Und lieber Pädagogen statt Tablets

06.07.2020

Die Öffnung der Schulen war richtig. Der Alltag war dann allerdings chaotisch. Zu viele und widersprüchliche Vorgaben verunsicherten Direktoren, Lehrer und Schüler.

Es war ein großes Aufatmen, als Anfang Mai endlich wieder die Schulen und Kindergärten öffneten. Zumindest teilweise. In der Zeit der Isolation zu Hause wurde vielen Kindern und Eltern bewusst, dass Schule nicht nur ein Lernort ist und wie wichtig soziale Beziehungen zu Gleichaltrigen sind – und was Pädagogen leisten! So wie die Eltern waren auch die Lehrer besonders gefordert, mussten sie doch von einem Tag zum anderen ihre Methodik völlig umstellen – ohne jemals darauf vorbereitet worden zu sein. Und nach der Wiedereröffnung standen auch Lehrer in den Klassen, die eigentlich zur Risikogruppe zählen. 

Direktoren und Lehrer waren durch den Schichtbetrieb, der nicht wirklich sinnvoll war, und zahllose Vorschriften mitunter aber überfordert. Das führte dazu, dass an jeder Schule die Regeln anders gehandhabt wurden und teilweise absurde Formen annahmen. So mussten nach einem Bericht der „Niederösterreichischen Nachrichten“ Volksschulkinder bei einem Lehrausgang Masken tragen, im Gänsemarsch gehen und ein Seil halten, um genau 1,5 Meter Abstand zueinander einzuhalten – im Freien. Das war vor zwei Wochen, als die Gasthäuser längst geöffnet und die Maskenpflicht abgeschafft war.

Die Botschaften der Politik und der Behörden waren nicht nur widersprüchlich, es gab auch etliche Pannen. So etwa versandte das Wiener Magistrat eine Mitteilung, dass die Eltern generell einem Nasen-Rachen-Abstrich bei ihren Kindern zustimmen sollten. Bei Nachfrage einer Direktorin, der dies seltsam vorkam, bekannte man ein, es handle sich nur um den Vorschlag einer Arbeitsgruppe, der versehentlich ausgeschickt worden war.

Jeder Verdachtsfall löste Alarm aus, Kinder und Lehrer wurden sofort nach Hause in Quarantäne geschickt. Das führte nicht nur an den Schulen, sondern auch bei den Eltern zu Chaos und enormen Belastungen. Schließlich müssen Eltern auch arbeiten und Geld verdienen und das Verständnis so mancher Chefs ist irgendwann zu Ende.

Ganz anders lief es mitunter an manchen Kliniken. Am Wiener AKH erkrankte vor zwei Wochen eine Patientin an Corona, sie hatte sich offenbar bei Besuchern angesteckt. Erst fünf Tage später wurde dem Pflegepersonal der betroffenen Station mitgeteilt, dass es in Quarantäne gehen solle – freiwillig! Denn eigentlich würden sie gebraucht.

 

Trotz des Durcheinanders war die Öffnung der Schulen dennoch richtig. Es gab keinen Anstieg an Infektionen unter den Kindern oder gar Infektionsketten, die von Schulen ausgingen. „Wir haben mittlerweile viel gelernt“, drückt es der deutsche Virologe Hendrik Streeck aus, der die Öffnung von Schulen und regulären Unterricht empfahl. Schließlich gehe es auch um die soziale und psychische Komponente. Kollegen wie Christian Drosten blenden diese gerne völlig aus.

Die Isolation machte vielen Kindern und vor allem Jugendlichen schwer zu schaffen. Etliche Eltern und Psychologen berichten von Verhaltensänderungen, Depressionen und Angststörungen. In der Entwicklungsphase seien traumatische Erlebnisse besonders prägend, vor allem, wenn das familiäre Umfeld ebenfalls belastet sei.

Viele Eltern machen sich Sorgen, wie es im Herbst weitergeht, ob dann wiederum bei jedem Verdachtsfall Schulen geschlossen und Kinder mitsamt den Eltern in Quarantäne geschickt werden. Eltern wären dann besonders gefährdet, ihren Job und ihr Einkommen zu verlieren. Es ist auch keine Lösung, nun alle Kinder mit Laptops oder Tablets auszurüsten, denn Fernunterricht ersetzt keinen regulären Unterricht in der Schule. Lernen geht über Beziehung. Schwache fallen noch weiter zurück, Eltern sind keine Ersatzlehrer und Kinder brauchen andere Kinder.

Eltern sind damit konfrontiert, dass ihre Kinder ohnehin zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen. Da ist es wenig hilfreich, wenn die Bildungspolitiker, in dem Irrglauben, „modern“ sein zu müssen, sie noch zusätzlich dazu anhalten. Sie brauchen nämlich Pädagogen, keine Bildschirme.