Nein, Herr Minister, wir sind nicht die Gefährder!

18.06.2020

Die Politik droht uns und macht selbst die gefährlichsten Fehler. Fehlende Schutzkleidung und Tests bei Pflegern und Ärzten gefährden Patienten und Personal. 

Die Pressekonferenz der Bundesregierung letzten Montag ließ viele fassungslos zurück: Da wurde nicht appelliert, sondern dekretiert, da wurde nicht erklärt, sondern massiv gedroht. Der Innenminister verstieg sich dazu, Bürger als „Lebensgefährder“ zu brandmarken, die ihren Mitbürgern zu nahekommen. Somit sind wir also potenzielle Mörder, wenn wir nicht sofort vom Gehsteig springen.

Die Art des Auftritts und die Diktion erinnerten fatal an ein totalitäres Regime. Es blüht nun auch das Denunziantentum, die Schuldzuweisung, die Stimmung ist in Aggression umgeschlagen. Vorbei ist die positive Phase der Solidarität, jetzt wird angeprangert und gedroht. Die Regierung ist damit eindeutig zu weit gegangen. 

Wenn die Politik versucht, die Verantwortung für Menschenleben den auf Parkbänken sitzenden Bürgern umzuhängen, ist es angebracht, genau hinzuschauen, wo das Gefahrenpotential tatsächlich liegt:

Letzte Woche wurde dekretiert, im Supermarkt Mund-Nasenschutz zu tragen. Millionenfach werden Masken verteilt, die man wohl bald auch im Freien tragen soll. Zeitgleich erhielt das Pflegepersonal eines Wiener Spitals die Anweisung, ab sofort alle Masken wieder zu verwerten, auch den einfachen Nasen-Mundschutz! Man müsse sparen, weil die Ressourcen knapp seien. Außerdem, so die Order auch in anderen Spitälern, sei nur eine Maske während der gesamten Schicht zu tragen, empfohlen wird von den Herstellern eigentlich eine Tragedauer von zwei bis vier Stunden. In der Woche zuvor wurde von einer Stationsleiterin angeordnet, dass gar keine Masken zu tragen seien, da diese in anderen Stationen dringender benötigt würden. Das Personal protestierte, bis sie dann doch PP1-Masken erhielten. Zu wenige oder gar keine Schutzmasken gibt es auch in Pflegeheimen und bei mobilen Pflegediensten, was diese heftig kritisieren. Man sieht die meist hochbetagten Patienten und das Personal einer großen Gefahr ausgesetzt!

Von der Politik und den Labors wird gern behauptet, das medizinische Personal werde regelmäßig getestet. Mitarbeiter der Spitäler berichten anderes. Bis auf einzelne Stationen werden Ärzte und Pflegepersonal erst getestet, wenn sie eindeutige Symptome zeigen. Und auf das Ergebnis warten sie mitunter zwei Wochen. Deren Kollegen werden in dieser Phase meist nicht getestet. In Verbindung mit der unzureichenden Schutzausrüstung ergibt das eine hochriskante Mischung, die tatsächlich Menschenleben gefährdet. 

Gleiches gilt für Pflegekräfte, Mitarbeiter der Rettung und Zivildiener – auch sie werden nicht getestet. Wozu es führt, wenn ein infizierter Mitarbeiter in einem Pflegeheim oder in der mobilen Pflege ohne Schutzkleidung vulnerable Menschen betreut, mag man sich gar nicht vorstellen.

Es gibt einen Mangel an Ressourcen. Es ist daher nicht nachvollziehbar, warum man Masken verschenkt, sich auf Supermärkte fokussiert und uns zu „Gefährdern“ stilisiert? Wer sind hier die Gefährder? Wohl die, die diese Fehlentscheidungen zu verantworten haben!

Um eine Überlastung der Spitäler zu vermeiden, wurde angeordnet, dass Menschen mit Symptomen zu Hause bleiben sollen, bis sie getestet sind. Das klang in der Theorie grundvernünftig, nur klappt es offenbar nicht. So werden kranke Menschen völlig sich selbst überlassen, weil ein Algorithmus meint, sie seien nicht gefährdet. Es kommt auch kein Arzt, denn diese haben oft keine Schutzkleidung. Das gefährdet ebenfalls Leben.

Was wir brauchen, ist der sinnvolle Einsatz von begrenzten Ressourcen. Wir brauchen ein Ende der Lügen und Halbwahrheiten. Und wir brauchen umfangreiche Tests und Antiköpertests. Denn eigentlich wissen wir über die Verbreitung des Virus gar nichts. Wir wissen nur, dass wir im Begriff sind, in ein totalitäres System mit gegenseitigen Schuldzuweisungen, Feindbildern, Verzweiflung und in Massenarbeitslosigkeit abzudriften.