Wie man einen Pflegenotstand erzeugt statt diesen zu verhindern

03.06.2019

Bei den Pflegekräften des KAV brodelt es. Überlastung und das neue Besoldungsschema sorgen für Aufruhr, viele Mitarbeiter werfen das Handtuch.

 

Es ist ein Dauerthema der Innenpolitik: Der drohende Pflegenotstand in Österreich und wie man diesem begegnen kann. Gleichzeitig steigt bereits jetzt durch permanenten Personalmangel der Druck auf die diplomierten Pflegekräfte, Burn-out-Fälle häufen sich. Wien, das mit dem Krankenanstaltenverbund (KAV) die größte Gesundheitseinrichtung des Landes hat, geht dabei eigene Wege – und die verursachen mehr Probleme als sie lösen.

Letzte Woche demonstrierten Pflegekräfte der Gemeindespitäler in Wien – wenig beachtet von Politik und Medien – gegen das neue Gehaltsschema des KAV. Dieses sieht für Neueinsteiger zwar höhere Gehälter vor, wie seit langem gefordert, allerdings nur für diese. Das führt dazu, dass langgediente Diplompflegekräfte deutlich weniger verdienen als Neueinsteiger. So etwa verdient nun eine OP-Schwester mit zehn Dienstjahren um etwa 500 Euro im Monat netto weniger als ein Neuling ohne Zusatzausbildung. Dazu kommt, dass Zulagen bei Neueinsteigern pauschal und 14 mal ausbezahlt werden, bei „Alten“ aber nur nach Leistung. Das hat die SP-dominierte Gewerkschaft mit der Stadt Wien und dem KAV ausgehandelt. 

In anderen Bundesländern wurde ebenfalls auf ein neues Gehaltsschema umgestellt, allerdings gibt es dort die Wahl, ob man mehr Gehalt oder mehr Urlaubstage ab einer bestimmten Anzahl von Dienstjahren wählen möchte. In Wien gibt es das nicht, ein Umstieg vom alten ins neue System ist nicht möglich. Die Gewerkschaft argumentiert den seltsamen Deal damit, dass es im neuen Schema eine leichtere Kündigungsmöglichkeit und weniger Urlaubstage für Ältere gäbe. Bei dem eklatanten Mangel an Pflegekräften ziehen diese Argumente bei den Betroffenen jedoch nicht.

Diese fühlen sich von der Gewerkschaft verraten. Wo bleibe hier die sonst so gepriesene Gerechtigkeit und der gleiche Lohn für gleiche Arbeit, fragen sie sich? Und warum setze sich die Personalvertretung nicht endlich für bessere Arbeitsbedingungen ein? 15.000 Unterschriften hat man schon gesammelt, ein geplanter Streik wurde von der Gewerkschaft (!) untersagt. Wie groß der Frust bereits ist, zeigt sich daran, dass viele das Handtuch werfen, im AKH gibt es eine regelrechte Kündigungswelle. Das führt dazu, dass zahlreiche Akutbetten gesperrt werden müssen, weil zu wenig Pflegepersonal vorhanden ist.

Für zusätzlichen Engpass beim diplomierten Personal sorgt auch die Ausbildungsreform, die so nur in Wien umgesetzt wird. Der KAV will diese akademisieren und hat dafür die altbewährten Diplomkrankenpflegeschulen zugesperrt . Es wurde ein 3-jähriges Bachelorstudium „Gesundheits- und Krankenpflege“ eingeführt. Voraussetzung dafür ist allerdings eine Matura, die für die Diplomausbildung bisher nicht nötig war. Somit werden alle ohne Matura ausgeschlossen. 

Auf der Homepage des KAV wird geworben, dass dieses Kurzstudium „Kompetenzen in medizinischer Diagnostik und Therapie“ vermittle und eine „Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis“ darstelle. Insider beklagen jedoch mangelnden Praxisbezug und Pseudo-Wissenschaftlichkeit. Neu geschaffen wurde der Lehrgang für „Pflegefachkräfte“, die die bisherigen Diplompfleger ersetzen sollen. Dieser dauert allerdings nur zwei Jahre. Befürchten wird daher ein erhebliches Sinken des Qualitätsniveaus, was in der Praxis gefährliche Auswirkungen haben könnte. Es ist das diplomierte Personal, das nah am Patienten ist und erkennen können muss, wann ein Arzt geholt wird. Ein Mehrwert ist also nicht erkennbar, ganz im Gegenteil.

Es geht bei diesem Konflikt nicht nur ums Geld, die Ungerechtigkeit brachte bloß das Fass zum Überlaufen. Die Diplomkräfte fühlen sich generell überlastet und nicht wertgeschätzt. Dem Pflegenotstand wird man mit diesen Strategien jedenfalls ganz sicher nicht begegnen, sondern man löst ihn im Gegenteil aktiv aus. Und dann baut man neue, überteuerte Krankenhäuser, für die man dann leider viel zu wenig Personal hat.