Der lange Arm der Ajatollahs und das Leid der Perser

26.04.2019

Perser, die anders denken oder anders glauben, werden brutal unterdrückt und verfolgt. Konvertiten zum Christentum sind besonders gefährdet.

Vor vierzig Jahren stürzten im Iran die Ajatollahs den Schah von Persien. Viele westliche Intellektuelle unterstützten damals die Revolution gegen den „US-Imperialismus“ und die Monarchie. Den religiösen Fundamentalismus, der sich alsbald  als brutales System der Unterdrückung und Verfolgung entlarvte, übersah man geflissentlich.

Johanna – ihr wirklicher Name sei sicherheitshalber nicht erwähnt – wuchs in diesem System auf. Sie stammt aus einer muslimischen Familie und erlebte als kleines Mädchen, wie sich die Frauen völlig verhüllen mussten, die zuvor in Teheran nach der neuesten Mode gekleidet durch die Straßen flaniert waren. Sie erlebte den uniformen Drill in der Schule, wo es verboten war, Spaß zu haben, ja wo überhaupt alles verboten war. Besonders eingeprägt hat sich ihr eine Szene, die den Anfang einer inneren Abkehr bedeutete. Sie war damals 13 Jahre alt, Koranschülerin, als sie mit ihrer Lehrerin einen Ausgang unternahmen. Sie gingen zum Friedhof. Zu jener Zeit wurden tausende Menschen hingerichtet , eben wurde ein Opfer beigesetzt. Einige Leute standen am Grab und weinten. Die Lehrerin forderte die Kinder auf, Steine auf sie zu werfen, denn diese seien Feinde des Islam. Johanna war entsetzt. Von da an war ihr klar, dass sie in diesem System nicht leben wollte.

Als junge Erwachsene verließ sie ihr Land. Sie flüchtete nach Europa. Hier lernte sie die Freiheit, die Menschen, ein anderes System und eine andere Religion kennen. Sie ließ sich taufen und nahm einen christlichen Vornamen an. Sie begann, ihren früheren Glaubensbrüdern, die aus unterschiedlichen Gründen und Ländern nach Europa gekommen waren, vom Christentum zu erzählen. Das gefiel den Imamen der Stadt, in der sie lebte, nicht. Man versuchte, sie einzuschüchtern, sie erhielt Morddrohungen. Sie wandte sich an die Polizei, doch die konnte nichts unternehmen. So entschloss sie sich, aus der Stadt zu „fliehen“, wie sie es selbst nennt, das zweite Mal in ihrem Leben. Sie übersiedelte in eine andere Stadt, tauchte unter, wechselt seither immer wieder ihre Wohnung. Sie hat Angst. Obwohl sie in einem demokratischen, freien Land lebt, in einem Rechtsstaat, fühlt sie sich ihres Lebens nicht sicher.

Seit sie in Europa lebt, bekommt sie immer wieder Besuch von Landsleuten und Verwandten. Etliche von ihnen lassen sich hier heimlich taufen. Es gebe viele geheime Christen im Iran, erzählt Johanna, es würden immer mehr. Es würden heimlich Bibeln verteilt, man versammelt sich in Privatwohnungen, um die Messe zu feiern. Immer in Angst vor Verfolgung durch die staatlichen Behörden. Muslime, die zum Christentum konvertieren, werden immer wieder vor Gericht gestellt und zu langen Haftstrafen verurteilt. Missionierung kann mit dem Tod bestraft werden. Im „Ranking“ jener Länder mit der schlimmsten Verfolgung nimmt der Iran einen traurigen Spitzenplatz ein. Für die Regierung ist jeder Perser automatisch Muslim. Der Einfluss des Christentums wird von den Ajatollahs als Versuch des Westens gewertet, den Staat zu untergraben. Konversion zu einem anderen Glauben wird als „Verbrechen gegen die nationale Sicherheit“ eingestuft und als krimineller Akt betrachtet.

Vor der Machtübernahme der Ajatollahs war das Christentum in dieser Region weit verbreitet, die Bevölkerung ist heute noch an sich tolerant. Johanna hat viele Verwandte und Freunde im Iran, Muslime, Christen und Konvertiten. Sie liebt sie alle, sie alle würden leiden und sie leidet mit ihnen. Sie alle hätten es satt, ständig überwacht, drangsaliert und bevormundet zu werden. Sie alle würden sich nach einem Leben in Freiheit sehnen. Was Johanna besorgt macht, ist, dass sie als Konvertitin mittlerweile auch in Europa nicht mehr frei zu ihrem Glauben stehen kann. Freiheit sei schnell verspielt, wenn man nicht wachsam sei, warnt sie. Dennoch ist sie voller Hoffnung. Zu Ostern gebe es wieder eine Taufe.