Freiwilliger Verzicht als Zeichen der Verantwortung und Freiheit

05.04.2019

Verzicht zu üben klingt negativ. Man gewinnt aber etwas Anderes dazu und es ist notwendig für das menschliche Zusammenleben und Überleben.

Vielleicht erinnern sich noch manche an die Ölkrise in den Siebziger Jahren. Eine der Konsequenzen war, dass Österreichs Autofahrer einen Tag in der Woche aufs Auto verzichten mussten, um Benzin zu sparen. Man hatte einen Tag zu wählen und ein entsprechendes Pickerl auf die Windschutzscheibe zu kleben. Der Aufschrei war zunächst enorm, es entspannen sich in den Familien heftige Debatten über den Wochentag, doch dann gewöhnte man sich daran. Heute sind wir dazu aufgerufen, freiwillig öfter aufs Auto zu verzichten. So etwa kann man mittels der Aktion „Autofasten“ seine Mobilität anpassen, analysieren und möglichst umweltfreundlich gestalten.

„Verzicht“ oder „Askese“ hat einen negativen Beigeschmack. Kein Unternehmen wird mit „Verzicht“ werben, sondern vielmehr mit „Genuss“, mit der Aufforderung, sich etwas zu gönnen oder gar mit dem Slogan „Ich will alles, und das sofort“. Unsere Wirtschaft baut ja auf Wachstum, auf immer Mehr, auf Konsum. Das ist an sich nicht schlecht. Es ist eine erfreuliche Entwicklung in der Geschichte der Menschheit, dass es immer weniger Arme gibt, immer weniger Hungernde, immer bessere medizinische Versorgung und immer mehr Wohlstand, obwohl die Weltbevölkerung wächst. Dies bringt aber auch Probleme mit sich, denn die Frage ist, wie dieses Wachstum vor sich geht und auf wessen Kosten?

Genau diese Entwicklung erfordert nämlich, dass wir Verzicht üben. Wir, die in Wohlstand leben, haben die Verantwortung, nicht alles zu konsumieren und zu tun, was wir uns leisten könnten. So etwa beim Fleischkonsum, bei Reisen in ferne Länder, beim Wasser- und Energieverbrauch, bei Konsumartikeln. Die negativen Folgen der modernen Lebensweise sind bereits weltweit deutlich sichtbar: die Plastikmassen in den Weltmeeren, die Luftverschmutzung, die Klimaerwärmung und vieles mehr.

Allerdings ist die Frage, aus welchen Motiven man verzichtet und worauf. Es ist ein entscheidender Unterschied, ob man freiwillig verzichtet oder verzichten muss. Einem Armen, der kaum genug zum Leben hat, Verzicht abzuverlangen, ist zynisch. Wohingegen ein Verzicht im Überfluss etwas Positives darstellt. Denn indem ich auf etwas verzichte, gewinne ich etwas anderes. So etwa bedeutet der Verzicht auf übermäßiges Essen einen Zugewinn an Gesundheit und Wohlbefinden. Dasselbe gilt für die Einschränkung von Autofahrten oder den Konsum elektronischer Medien. Und indem ich eine Zeit lang auf etwas verzichte, steigere ich die Vorfreude auf den kommenden Genuss.

Der freiwillige Verzicht ist der neue Luxus. Bei jungen Menschen, die in Wohlstandsgesellschaften aufgewachsen sind, ist dieser Trend deutlich zu beobachten. Viele Junge verzichten auf ein Auto; Sie tauschen lieber die Kleidung mit Freundinnen, statt sich Neues zu kaufen, „Vintage“ ist angesagt; Sie verzichten auf ein höheres Einkommen und wollen dafür lieber mehr freie Zeit. So gesehen ist Verzicht etwas Erfreuliches, es eröffnet neue Perspektiven, mehr Lebensqualität und mehr innere Freiheit. Stets alles im Übermaß zu haben und zu konsumieren, erzeugt hingegen Überdruss und ist ungesund.

Die Mäßigung, also der Verzicht auf das Übermaß und den dauernden Genuss, ist nicht zufällig eine der zentralen Tugenden. Sie wurde von antiken Philosophen genauso gepredigt wie von christlichen Kirchenvätern als eine der Kardinaltugenden. Im Verzicht zeigt sich die Freiheit des Menschen, etwas zu tun oder eben nicht zu tun. Das betrifft nicht nur den Konsum, sondern auch das menschliche Verhalten den Mitmenschen gegenüber. Für ein gedeihliches Zusammenleben ist der Verzicht, jedem Impuls nachzugeben, dem Anderen Schaden zuzufügen, ihn zu kränken, ihn gar zu verletzen, also die Selbstkontrolle, unabdingbar notwendig. Verzicht ist so gesehen die Grundvoraussetzung für das menschliche Zusammenleben und Überleben. Die Herausforderung ist, diesem die positiven Seiten abzugewinnen und den Versuchungen zu widerstehen.