Gleichstellung und Respekt vor Frauen sind nicht verhandelbar

12.03.2019

Persönliche Freiheit und gleiche Rechte für Frauen sind nicht selbstverständlich. In der Welt sehen wir viele Beispiele dafür.

Es war tatsächlich ein Meilenstein für die rechtliche und soziale Stellung der Frauen, als sie 1919, vor hundert Jahren, das erste Mal wählen durften. Dabei darf nicht vergessen werden, dass in Österreich auch den Männern erst im Jahr 1907 das allgemeine und gleiche Wahlrecht zugesprochen wurde. Seither wurden von Frauen immer weitreichendere Rechte erkämpft. Wer kann sich heute noch vorstellen, dass das Eheverbot für Lehrerinnen erst 1949 endgültig abgeschafft wurde? Dass Frauen in den Sechzigern noch die Erlaubnis ihres Ehemannes einholen mussten, um berufstätig sein zu dürfen?

Heute ist nach langen Kämpfen die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern umgesetzt und für viele selbstverständlich. Frauen können jeden Beruf ergreifen, selbstbestimmt leben, werden als Chefinnen respektiert. Es geht noch um einige Ungleichheiten in der Praxis, wie etwa in manchen Bereichen ungleiche Bezahlung und die Präsenz in Führungspositionen, aber daran wird gearbeitet.

Dennoch ist seit einigen Jahren ein zunehmender Gegentrend zu bemerken. Es sind massive Rückschritte in der Lebenspraxis zu beobachten, was die Stellung der Frau, ihre Selbstbestimmung, persönliche Freiheit, den Respekt vor Frauen und sogar die körperliche Unversehrtheit betriff. Frauen erleben, dass sie immer weniger respektiert werden, zum Beispiel Lehrerinnen oder Krankenschwestern. Frauen fühlen sich mancherorts nicht mehr sicher – ungeachtet der Kriminalitätsstatistik, die diese Art von Unsicherheit nicht abbilden kann. Da geht es nicht nur um die Serie von Frauenmorden, sondern um Alltagssituationen, etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln, Bahnhöfen, Stadtgebieten.

Es sind Tabubrüche und das Infragestellen eines gemeinsamen Konsenses, der mühsam errungen wurde und stets neu verhandelt werden muss. Der Konsens, dass Frauen selbstverständlich die gleichen Rechte und Freiheiten haben und den gleichen Respekt verdienen, geht zunehmend verloren. Und es geht dabei nicht nur um die Frage, aus welchem Kulturkreis ein Täter stammt, auch wenn dies natürlich eine Rolle spielt. Von Frauenseite wurde etwa hart daran gearbeitet, dass es ein allgemeines Unrechtsbewusstsein gibt, was etwa die sexuelle Belästigung betrifft, sie wurde ein strafrechtliches Delikt. Und auch wenn manche Männer dies nicht einsehen wollten, so entstand doch ein gesellschaftlicher Konsens. Diesen gibt es heute zunehmend nicht mehr.

Die Fragen, die sich viele Frauen stellen, lauten: Wie wird unser Leben und das unserer Töchter in Zukunft sein? Wie wird deren und unsere Lebensrealität aussehen, wenn dieser Konsens sich immer mehr auflöst? Auch viele Männer sind verunsichert über diese Entwicklung und wie sie damit umgehen sollen. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich, sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Es gibt viele Frauen, die ihre Verunsicherung und ihre Ängste nicht zu artikulieren wagen. Sie wollen nicht als Rassistinnen dastehen oder sie wollen es sich selbst und ihrer Umgebung nicht eingestehen, dass sie sich fürchten oder sich Sorgen machen. Auch ihrer Umgebung fehlt oft das Verständnis für diese Gefühle, diese Ängste; Oder man will es schlicht nicht wahrhaben, dass hier eine schleichende Erosion stattfindet, die den Frauen den Boden unter den Füßen entzieht.

Fakt ist, dass sich die Stellung der Frau in Österreich verändert, dass errungene Freiheiten, Rechte, ja ihre Würde nicht mehr selbstverständlich sind. Und es ist nicht garantiert, dass sie auch in Zukunft erhalten bleiben. Daher ist es notwendig, dass Frauen achtsam sind, sich zu Wort melden, sich nicht zum Schweigen bringen lassen, sei es durch eine vorgesetzte Behörde oder sei es durch ihre Umgebung. Sie sollten lautstark sein, wenn sie Respektlosigkeit wahrnehmen, sich bedrängt fühlen oder bedrängt werden. Frauen haben viel zu verlieren, sie sollten dabei nicht tatenlos und schweigend zusehen.