Ethik und Religion schaffen einen Mehrwert, nicht Ethik statt Religion

12.03.2019

Ein Fach Ethik für alle Schüler zusätzlich zum konfessionellen Religionsunterricht wäre ein wichtiger Beitrag für ein besseres gegenseitiges Verständnis.

Seit Jahrzehnten spaltet die Debatte um einen Ethikunterricht die Gemüter. Die bisherigen Schulversuche laufen, glaubt man den Studien dazu, sehr positiv. Warum das Fach Ethik es noch nicht in den Regelschulbetrieb geschafft hat, hat mehrere Gründe. Einer davon ist die Sorge von Vertretern der Religionsgemeinschaften und einiger Politiker, es würde das Fach Religion dadurch schrittweise ersetzt und abgeschafft. Diese Sorge ist sicher berechtigt, Forderungen dazu werden wieder laut, doch stellt sich heute die Problematik anders dar als noch vor zwanzig Jahren.

Die Ankündigung von Bildungsminister Faßmann, in naher Zukunft einen Ethikunterricht für all jene einzuführen, die sich vom Religionsunterricht abmelden, ist ein guter und richtiger Schritt. Gerade heute, in einer pluralistischen und individualistischen Gesellschaft, in der zwar Religion medial stark thematisiert wird, die gemeinsamen Grundwerte aber zusehends abhandenkommen, ist so ein Informations- und Diskussionsraum an den Schulen notwendiger denn je.

Mittlerweile ist ganzen Generationen das schlichte Wissen um Glaubensinhalte und Glaubenspraxis der Religionen – selbst der christlichen – nicht mehr geläufig. Dieses Wissen ist jedoch der Grundstein für das Verständnis der jeweiligen Grundwerte und des Weltbilds. Unsere Werte kommen ja von irgendwo her. So etwa ist das Modell des sozialen Wohlfahrtsstaates ein zutiefst christlicher Gedanke und nicht zufällig in keinem muslimisch oder hinduistisch dominierten Land zu finden. Umgekehrt ist es auch kein Zufall, dass in diesen Ländern Kastendenken oder die Stellung der Großfamilie besonders ausgeprägt sind.

Religiöse Inhalte haben auch unsere Kultur in Europa geprägt. Wie will man etwa ein Kunstwerk verstehen und deuten, wenn man keine Ahnung hat, was in der Bibel steht? Dasselbe gilt für den Bereich der Literatur, des Theater und der Musik. Es droht ein kulturelles Analphabetentum.

Das Fach Ethik sollte für alle Schüler eingeführt werden, denn es würde einen Raum schaffen, in dem Kinder und Jugendliche verschiedener Konfessionen und Kinder ohne Konfession die jeweils andere Welt kennen lernen können. Es wäre ein Raum für Hinterfragen, Diskussion und Austausch über die eigene Konfession oder Konfessionslosigkeit und die der anderen.

Bestrebungen, den konfessionellen Religionsunterricht gänzlich zu ersetzen, sind jedoch fatal und kontraproduktiv. Einerseits mangelt es selbst bei konfessionell erzogenen Kindern oft an grundlegendem Glaubenswissen über ihre eigene Religion. Andererseits würde man die konfessionelle Unterweisung rein ins Private verlagern. Im Fall des Islam würde man sich der einzigen Möglichkeit begeben, den Kindern eine andere und reflexierende Sichtweise auf ihre Religion zu bieten. Es würde die Dominanz und der Einfluss von Imamen von Moscheenvereinen vergrößern und einzementieren. Dies ist umso bedenklicher, als etliche Moscheenvereine radikales Gedankengut verbreiten. Eine Problematik würde verbleiben, wenn man weiterhin die Inspektoren und die Aufsicht auf die islamischen Religionslehrer bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft belässt. Diese wird derzeit von fundamentalistischen und türkisch-nationalistischen Kräften dominiert. Einen Islam „europäischer Prägung“, wie ihn die Universität Wien in ihrer Religionslehrerausbildung anstrebt, wird dort klar abgelehnt.

Als Ergänzung ist ein Fach Ethik begrüßenswert und schafft einen neuen, integrativen Raum innerhalb der Schule, der sich im Idealfall dann auch in die Familien und in die Gesellschaft fortsetzt. Es könnte dazu beitragen, Ressentiments gegen andere abzubauen, ob nun gegen Muslime, Christen oder Juden. Der virulente religionsfeindliche Ansatz, nämlich die Konfessionen aus der Schule hinauszudrängen, wäre hingegen ein schwerer Fehler mit fatalen Folgen.