Macht über Leben und Tod: Wenn ärztliche Kunst überfordert

28.12.2018

Wir wollen zunehmend über Leben, Lebensrecht und Tod entscheiden. Dabei geraten wir in ein auswegloses Dilemma und überschreiten sensible Grenzen.

Durch die an sich segensreichen Errungenschaften der modernen Medizin geraten wir zunehmend in Situationen, die sich früher so nicht stellten. Das beginnt bereits vor der Geburt eines Kindes. Heute wird bei künstlich gezeugten Embryonen durch die Präimplantationsdiagnostik geprüft, ob sie überhaupt eine Chance erhalten, auf die Welt zu kommen. Auch bei regulären Schwangerschaften legt man den werdenden Müttern nahe, ein umfassendes Screening zu machen, also nach „Schädigungen“ des Kindes zu suchen. Wird man fündig und besteht eine Wahrscheinlichkeit, dass das Kind behindert sein wird, so müssen die Eltern entscheiden, was sie weiter tun, ob sie es abtreiben oder nicht. Mit dieser Entscheidung über Leben und Tod eines an sich erwünschten Kindes stürzt der medizinisch-technische Fortschritt Menschen in ein Dilemma, das sie völlig überfordert.

Je mehr die ärztliche Kunst und die Wissenschaft vermögen, desto sensibler muss der Umgang mit den Möglichkeiten, die damit eröffnet werden, sein. Es braucht ein hohes Maß an Verantwortung und ein klares Wertefundament, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Was früher Schicksal war, das man annehmen musste oder mit dem man haderte, das man jedenfalls nicht selbst bestimmen konnte, wird zunehmend ersetzt durch menschliche Entscheidungen. Doch der Mensch in seiner Begrenztheit, in seinen Gefühlen, in seinen Ängsten, hat sich nicht geändert. Diese großen Dinge übersteigen seine „Kompetenzen“.

Was für den Beginn des Lebens gilt, gilt auch für dessen Ende. Die geplante Novelle zum Ärztegesetz schlägt derzeit hohe Wellen. Da erregen sich Patientenanwälte, dass Schulmediziner auch Homöopathie anbieten und werfen das in einen Topf mit Handauflegern und Esotherik. Im Schatten dieses Globuli-Kriegs hat jedoch ein anderer Passus wesentlich mehr Brisanz, der nicht groß debattiert wird.

Palliativmediziner stehen derzeit stets mit einem Fuß im Kriminal, und das soll bereinigt werden. So ist es juristisch problematisch, wenn etwa bei todkranken Patienten Morphium zur Schmerzlinderung eingesetzt wird und ein früherer Tod in Kauf genommen wird. Hier will man mehr Rechtssicherheit für die behandelnden Ärzte herstellen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass Interessengruppen auf diesen Zug aufspringen, die für den assistierten Suizid eintreten. Sterbehilfe ist ja auch ein Geschäftsmodell. Diese Interessen gefährden jedoch akut das Vertrauen der Patienten in die Ärzte und auch den ursprünglichen Auftrag von Ärzten, Leben zu retten, Leid zu lindern und Leben zu erhalten.

Die Sterbehilfe ist ein heikles Feld. Da sind die Geschichten von unheilbar Kranken, die sich nichts sehnlicher wünschen als zu sterben. Fühlt man sich da nicht als Unmensch, wenn man ihnen den Wunsch verweigert, von ihrem Leid erlöst zu werden? Und dennoch ist es gefährlich, wenn sich Menschen zu Richtern über Leben und Tod, über lebenswertes und lebensunwertes Leben aufspielen. Gerade die Geschichte unseres Landes hat uns gezeigt, wie beliebig die Parameter sind, die den Wert eines Lebens festlegen. Und Behindertenverbände kritisieren zu Recht den mittlerweile weit verbreiteten Ansatz, dass ein Leben mit Behinderung nicht lebenswert sei.

Es ist ein Unterschied, ob jemand aus Verzweiflung seinem Leben ein Ende setzt, obwohl dies der allgemeinen Auffassung widerspricht, dass jedes Leben den gleichen Wert hat und Selbstmord nie eine erwünschte Lösung ist; Oder ob in der Gesellschaft die Ansicht vorherrscht, dass eigentlich nur die Gesunden, Starken und Jüngeren ein Recht auf Leben haben. Was das mit einer Gesellschaft macht, kann man sich unschwer ausmalen.

Früher sprach man von der „Majestät“ des Todes, womit eine Würde verbunden war. Lassen wir auch den unheilbar Kranken, Schwachen, Behinderten und Alten ihre Würde und ihr Schicksal. Wird der Tod ein Mittel zum Zweck, wird er banal und raubt auch dem Leben die Würde.