Weltoffene Menschen brauchen Heimat und starke Wurzeln

28.12.2018

Der Nationalismus war mitverantwortlich für den Ersten Weltkrieg. Doch der Globalismus ist keine geeignete Alternative, er birgt andere Gefahren.

Der Reigen der Festveranstaltungen zum Republiksjubiläum ist abgeschlossen, viele Reden wurden gehalten. Zwei Begriffe prägten diese: der Zusammenhalt und die Heimat.

Heimat war lange Zeit ein geradezu verdächtiger Begriff. Es war daher bemerkenswert, dass Politiker aller Couleur offen ein Bekenntnis zur Heimat und zu ihrer Heimatliebe ablegten. Allgemein besteht die Sehnsucht nach Identität, Unverwechselbarkeit und Wurzeln. Heimat in dem Sinn einer starken emotionalen Bindung, Heimat als ein Ort, an dem man sein Leben lang zuhause ist, ist aber nicht mehr selbstverständlich. Das kann man gut oder schlecht finden, es wird jedenfalls immer seltener.

Unsere Gesellschaft wird zunehmend eine globale. Wir hören immer öfter fremde Sprachen, fremde Namen und werden mit anderen Kulturen konfrontiert. Das alles ist nicht neu. Wanderungsbewegungen und Migration gab es schon immer. Wanderungsbewegungen im großen Stil gingen jedoch nicht immer friedlich vonstatten. Sie lösten eine Krise aus oder wurden von Krisen ausgelöst.  Das trifft etwa auf die Völkerwanderung in der Spätantike zu, die im Zuge des Zerfalls des Weströmischen Reiches erfolgte. Und das war so bei den Flüchtlingsströmen nach den Weltkriegen.

Wie sollen wir heute dem begegnen? Wie können wir unsere Identität bewahren? Ja, worin besteht unsere Identität eigentlich? Identität ist nichts Starres, sie ist einem steten Wandel unterworfen. Das haben für Österreich im Besonderen allein die vergangenen hundert Jahre gezeigt. Sie haben aber auch gezeigt, dass bei zu raschem Wandel Gefahren bestehen: Abwehrreaktionen gegenüber dem als fremd Empfundenen, die Zunahme von Gewalt, sozialer Unfriede und nicht zuletzt Radikalisierungen.
Die Ursache des Ersten Weltkrieges war der Nationalismus, er führte zu Abgrenzung, Bündnissen und zum Aufbau von Feindbildern gegenüber den Nachbarn. Es wurden negative Klischees geschürt, bis man wirklich aufeinander losging.

Als Gegenmodell zum Nationalismus wird heute der Globalismus angesehen. Doch auch dieser birgt Gefahren, weshalb der deutsche Soziologe Ulrich Beck argumentestark davor warnt. Aus wirtschaftlichen Interessen, die die Gleichschaltung des Menschen vorantreiben, ist der Mensch in seiner kulturellen Vielfalt, Zugehörigkeit und Individualität in Frage gestellt. Globalismus gefährdet die Vielfalt, er entwurzelt, führt zu Identitätsverlust. Vermischt man bunte Farben, führt dies zu unansehnlichem Grau.
Die „brave new world“ in Sinne von Aldous Huxley könnte Wirklichkeit werden, wenn und weil der kulturelle Horizont zerbrochen sei, postulierte Beck. Er machte das am Beispiel der gezielten Auflösung der Familie deutlich. Huxley hatte in seinem 1932 erschienen Buch eine Welt vorhergesagt, in der Embryonen optimiert und Kleinkinder indoktriniert werden, um eine „schöne, neue Welt“ zu gestalten. Wir sind dabei, diese letztlich totalitäre Gesellschaft zu verwirklichen.

Für die Zukunftstellt sich die Frage, ob wir ein anderes Konzept als die globalisierte Gesellschaft finden? Soll wirklich X-Beliebigkeit und Austauschbarkeit das Ziel sein? Oder braucht der Mensch weiterhin Verwurzelung und kulturelle Differenz? Bringen Gleichmacherei und die totale Individualisierung wirklich mehr Gerechtigkeit? Oder nur mehr Unsicherheit? Unsicherheit erzeugt Verwirrung und Abwehr, bis hin zu Gewalt.

Europa braucht unverwechselbare Regionen, es braucht das Spezifische. Auf die Heimat zu achten und die Identität zu bewahren, ist nicht gleichzusetzen mit Abschottung. Und daher sollten selbstbewusst nicht gleich alle Eigenheiten aufgegeben werden. Wir sollten nicht konforme Lebensstile und damit konforme Konsumgewohnheiten anstreben. Wir brauchen Identität und Wurzeln.  Wir brauchen Heimat. Bei starker Verwurzelung besteht man Stürme besser. Und nur wenn man starke Wurzeln hat, kann man dem Anderen offen begegnen.

(Der Text ist ein Auszug aus der Rede, gehalten bei der Festsitzung des oberösterreichischen Landtags am Sonntag.)