Die „Trümmerfrauen“ werden wieder einmal zum Aufräumen geholt

06.11.2018

Frauen gelangen am ehesten an die Macht oder an die Spitze, wenn die Arbeit wenig lohnend, der Karren verfahren oder die Lage trist erscheint.

Im März der Jahres 1918, der Krieg wütete bereits das vierte Jahr, schrieb ein junger Soldat seiner Frau einen Brief. Er kämpfte an der Front, sie zu Hause, auf sich allein gestellt mit einem Baby, und musste im hungernden Wien ums Überleben kämpfen. „In den vergangenen zwei Jahren ließ ich dich machen, was du willst“, schrieb er vorwurfsvoll, „bloß das Kind ließ ich dich nicht zur Gretel geben. Sonst legte ich deinen Entschlüssen nichts in den Weg.“ Das kam nicht gut an: „Ich habe in den letzten Jahren wirklich viel geleistet“, antwortete sie gereizt, „und es ginge auf die Dauer unter diesen Verhältnissen nicht, neben dem Büro einen Haushalt zu besorgen.“ Der junge Mann hieß Adolf Schärf. Er wurde 1957 österreichischer Bundespräsident. Seine Frau Hilda starb früh, die Tochter Martha, verheiratete Kyrle, übernahm die Rolle der First Lady.

Die Bestrebungen nach Gleichberechtigung und Emanzipation erhielten ihre stärksten Schübe in Krisenzeiten, wie im Ersten und im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit. Als „Trümmerfrauen“ gingen jene in die Geschichte ein, die das wegräumten, was Männer zuvor zerstört hatten. Nach getaner Arbeit wurden sie den Männern jedoch zu emanzipiert, zu selbstbewusst und unabhängig. Es folgten die „spießigen“ 50er und 60er Jahre, mit dem Ideal der Kernfamilie und dem Mann als Ernährer und Haushaltsvorstand.

Dieses Prinzip kann man heute noch immer beobachten, etwa in der Politik. So wurde in den vergangenen Tagen anerkennend konstatiert, dass nun alle Oppositionsparteien von Frauen angeführt würden. Ein Grund zum Jubel? Mitnichten.

Alle Parteichefinnen haben ähnliche Rahmenbedingungen vorgefunden: Eine Partei in der Krise, befindlich auf der harten Oppositionsbank, mit teilweise schweren internen Grabenkämpfen. Egomanische Männer hatten die Partei mutwillig in die Krise gestürzt, unbekümmert ob des Trümmerfelds, das sie hinterließen. Bei den einen war es Peter Pilz, der aus gekränkter Eitelkeit die Grünen verließ und es schaffte, innerhalb weniger Monate gleich zwei Parteien ins Chaos zu stürzen. Matthias Strolz wiederum ging von der Bühne, auf die er sonst eher niemanden zugelassen hatte, ohne sich rechtzeitig um eine geregelte Nachfolge zu kümmern.

Erstmals in der Geschichte der SPÖ gelangte durch den chaotischen Abgang von Parteichef Christian, der zuvor Werner Faymann den Kanzler weggeschnappt hatte, eine Frau an die Spitze. Man stelle sich vor, die SPÖ wäre nicht in der Opposition, sondern hätte Aussicht, bald wieder den Kanzler stellen. Hätte auch dann eine Frau die Chance auf den Parteivorsitz gehabt?

Pamela Rendi-Wagner hat einen äußerst undankbaren Job übernommen. Scheitert sie, werden die Herren, die zuvor abgewunken haben, ihr dabei erste Reihe fußfrei zusehen. Gelingt es ihr wider Erwarten, die Partei aus der Krise zu führen, werden sich bald Parteifreunde einfinden, ihr das „schwere“ Amt abzunehmen.

Die Szenerie erinnert an die Amtsübernahme von Waltraud Klasnic: Die Männerdomäne in der steirischen VP war erst gebrochen, als eine Landtagswahl im Desaster mündete, der Patriarch Josef Krainer alles hinschmiss, seine Kronprinzen sich öffentlich befetzten und die stille Klasnic dann die Scherben aufkehren musste. Wider Erwarten machte sie den Job als Landeshauptmann – sie bestand auf dieser Bezeichnung – hervorragend. Es gibt in den letzten Jahrzehnten eigentlich nur ein einziges Beispiel in der heimischen Innenpolitik, wo es zu einer geordneten Hofübergabe in „guten“ Zeiten an eine Frau kam, und zwar kürzlich in Niederösterreich an Johanna Mikl-Leitner.

Es wäre sehr zu wünschen, dass Frauen nicht nur für schweißtreibende Aufräumarbeiten gerufen werden, wenn die Lage wenig lohnend oder aussichtslos erscheint, sondern auch, wenn es etwas zu gewinnen gibt. Das gilt nicht nur für die Politik, sondern auch für die Wirtschaft.