Kinderland Österreich? Trennung, Armut, Gewalt und Alleinsein

06.11.2018

Wir wähnen uns als kinderfreundliches Land. Die Zumutungen und das versteckte Leid der Kinder werden oft nicht gesehen.

Unser Land ist in den vergangenen Jahrzehnten auf den ersten Blick wesentlich kinderfreundlicher geworden: Allenthalben gibt es Kinderspielplätze – in Wohnanlagen sogar verpflichtend -, in Restaurants gibt es Kindermenüs, Kinderhochstühle und Wickeltische; jedes Museum, das auf sich hält, hat Angebote speziell für Kinder. Rampen und Aufzüge erleichtern die Fortbewegung mit Kinderwägen etc. etc. Die aktuelle Regierung will als familienfreundlich gelten und gewährt zusätzliche Steuererleichterungen.

Kinder sind eine Belastung, aber vor allem eine große Freude. Die Mehrzahl der Eltern bemüht sich tagtäglich, sie wollen das Beste und nur das Wohl ihres Kindes. Sie verzichten auf Vieles, investieren viel Energie und freuen sich an ihren Kindern. Doch wie sieht es mit der Kinderfreundlichkeit und den Kinderrechten in unserer Gesellschaft aus? Stehen wirklich die Bedürfnisse der Kinder im Mittelpunkt?

Da ist zum einen die Tatsache, dass immer weniger Kinder überhaupt geboren werden. Diejenigen, die zur Welt kommen, sind meist Wunschkinder und dennoch sind sie vielerlei Belastungen ausgesetzt. So etwa sind Kinder statistisch die am stärksten von Armut betroffene Gruppe. Waren früher vor allem alte Menschen von Armut bedroht, sind es heute Familien mit mehreren Kindern und Alleinerzieherinnen.

Die Scheidungsrate ist in Österreich hoch und steigt weiter. Trennen sich die Eltern – ob verheiratet oder nicht – geht dies leider häufig mit massiven Konflikten einher, die auch die Kinder betreffen. Sie werden oft zum Spielball in Trennungskonflikten. Dass ein Kind das Recht auf Vater und Mutter hat, wird in der Praxis leider nicht immer so umgesetzt. Nicht umsonst gibt es eigene Institutionen, die sich um Scheidungskinder kümmern. Patchworkfamilien sind zwar groß in Mode und werden von den Erwachsenen gerne als ganz toll hingestellt, für die Kinder ergeben sich daraus mitunter eine Vielzahl von Konflikten und Verwirrungen.

Durch die Berufstätigkeit von Mann und Frau und instabilere Arbeitsverhältnisse kommt es auch zu einem vermehrten Druck auf die Kinder. Ein- bis Zweijährige werden immer öfter ganztägig in die Krippe gegeben, was viele Kleinkinder überfordert. Schüler, die sich irgendwo eine Pizza oder eine Wurstsemmel kaufen, weil daheim niemand mit dem Essen wartet, sind heute der Normalfall.

Auf den ersten Blick hat sich beim Thema Gewalt in den letzten Jahrzehnten vieles gebessert. Von der überwiegenden Mehrheit der Österreicher wird laut Studien Gewalt in der Erziehung strikt abgelehnt. Die „g‘sunde Watsch‘n“ ist mittlerweile geächtet und strafbar. Gleichzeitig bleiben Fälle von Gewalt unter Jugendlichen und in der Familie ein Problem. In ihrem vieldiskutierten Buch berichtet etwa die Pädagogin Susanne Wiesinger, dass sie immer wieder bei Schülern Spuren von Misshandlung beobachte. Was dann unternommen wird, lässt sie offen.

Studien belegen, dass Gewalt in allen Schichten vorkommt, Kinder in Familien mit Migrationshintergrund machen signifikant noch öfter Gewalterfahrungen, speziell jene aus der Türkei und Ex-Jugoslawien. Das müssen nicht unbedingt Schläge sein, sondern auch Angstpädagogik, Einschüchterungen oder wenn Mädchen ihre persönliche Freiheit genommen wird. Eine patriarchale Struktur, ein abgeschottetes Milieu, soziale und finanzielle Benachteiligung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft, all dies begünstigt Gewalt. Die Frage ist, wie die Gesellschaft damit umgeht. Bringt es etwas, wenn Sozialarbeiter zwar das Gespräch mit den Eltern suchen aber es sonst keine Konsequenzen gibt? Eine Gesellschaft, die von Kinderrechten spricht, diese aber nicht mit aller Konsequenz durchsetzt zum Schutz und zum Wohl der Kinder, kann sich nicht kinderfreundlich nennen. Generell sollten Kinder als wertvolles Geschenk und nicht bloß als Belastung und Störfaktor für die Berufstätigkeit gesehen werden. Sie sind unsere Zukunft.