Sommer damals: Kaltbad, kühle Regentage und Sommerpullover

12.09.2018

Als 30 Grad noch ein Hitzerekord und Badewetter noch die Ausnahme war. Reminiszenzen an die Sommer der 70er Jahre.

„Heute erwarten wir einen der heißesten Tage des Jahres, im Osten werden die Temperaturen auf bis zu 30 Grad klettern.“ Wettermeldungen wie diese waren in den Sommern der 70er Jahre eine Seltenheit. 30 Grad Celsius galten als außergewöhnlich. Die alten Leute stöhnten, die Kinder jubelten. Endlich richtiges Badewetter. Man ging ins Kaltbad – das Freibad trug diesen Namen damals völlig zu recht. Nach zehn Minuten Badevergnügen klapperten bereits die Zähne und die Lippen liefen blau an. Ebenso erging es Kindern beim Baden im See, es bedurfte einer gewissen Überwindung, sich in die sehr kühlen Fluten zu werfen. Private Swimming Pools waren eher selten, ihre Errichtung lohnte sich aufgrund der wenigen Badetage nicht, und falls vorhanden, war das Wasser ebenfalls meist eiskalt.

Oft wurde von Eltern der Genuss von Eis verboten, weil es zu kühl dafür sei. Die Sommer der 70er waren tatsächlich kühl, durchsetzt von vielen Tagen Regenwetter. Das bedeutete in den Ferien viel Zeit drinnen zu verbringen, zu lesen, sich auch zu langweilen und auf die Sonne zu warten. Man trug Sommerpullover und Sommerjacken, heute überflüssige Kleidungsstücke. Selbst an warmen Tagen wurde es abends recht kühl, zu kühl, um draußen zu sitzen. Sonnencremen wurden mäßig verwendet, zu rar waren die Sonnenstunden, und wenn man doch vorsichtshalber eingecremt wurde, dann mit Sonnenschutzfaktor 3.

Aufgrund des eher durchwachsenen Wetters und der wenigen echten Badetage zog es die Österreicher in den Süden, nach Italien oder Jugoslawien, ans Meer. Endlich ungetrübter Himmel, Wärme, Sonnenschein und angenehme Wassertemperaturen. Man genoss es, abends draußen sitzen zu können, ohne zu frieren oder vom Gewitterregen vertrieben zu werden.

Klimaanlagen kannte man in Österreich in den 70ern nur aus amerikanischen Filmen, hierzulande waren sie zu teuer und schlicht überflüssig. Autos mit Klimaanlage gab es vielleicht in der Luxuskategorie, ansonsten reichte es, das Fenster ein wenig zu öffnen. So heiß war es im Innenraum auch wieder nicht. In ein Privathaus oder in eine Wohnung eine Klimaanlage einzubauen, war eine völlig abwegige Idee.

Heute zählen Klimaanlagen in Autos schon zum Standard, ebenso in neuen Wohnungen und Häusern, selbst auf dem in Relation kühleren Land rüstet man nach. Supermärkte sind oft so stark klimatisiert, dass man bereits kurz nach dem Betreten Gänsehaut bekommt und Halskratzen verspürt. Das kannte man früher nur von Autobahnraststätten in Italien. Die Sonnenintensität scheint zugenommen zu haben. Heute hat man bei Sonnencremen die Wahl zwischen Faktor 30 und 50. Die Abende, an denen man in luftiger Sommerkleidung draußen sitzt, werden immer zahlreicher, ebenso die sogenannten Tropennächte, ohne rechte Abkühlung. Sommerjacken sind Ladenhüter.

In südlicheren Ländern, am Meer ist es im Sommer mittlerweile oft weniger heiß als bei uns. Das gilt auch für Länder, die früher als kühler Norden bekannt waren, wie heuer etwa Großbritannien oder Norwegen, die unter der ungewohnten Hitze stöhnen. Die früher erfrischenden österreichischen Badeseen sind spätestens im August so aufgeheizt, dass sie keine Abkühlung mehr bringen. Die Sommerfrische hat einen neuen Reiz bekommen, man flieht vor der Hitze in höhere Lagen, wo die Nächte noch angenehm kühl und dadurch erholsam sind.

Ich glaube gern all jenen, die eine Klimaerwärmung in Abrede stellen. Die Wahrnehmung ist halt eine andere. Die Maßnahmen dagegen erscheinen wenig durchdacht. Ich verstehe nicht, warum Architekten bei ihren Bauten riesige Glasflächen bevorzugen. Ich verstehe nicht, warum im öffentlichen Raum, an Straßen und in Privatgärten kaum mehr große Bäume zu finden sind, die kühlen Schatten spenden würden. Ich verstehe nicht, warum immer mehr Grünfläche zuasphaltiert wird. Ich verstehe nicht, warum man groß von der E-Mobilität redet und den Flugverkehr fördert. Ich frage mich, wie die Sommer in Österreich in weiteren 40 Jahren sein werden?