Marx, der große Denker, Gewaltverherrlicher und Antisemit

12.06.2018

Auch in Österreich „feiert“ man den 200. Geburtstag von Karl Marx. Kritische Reflexionen bleiben dabei sorgfältig ausgespart.

 „Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, dass ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung.“ So steht es im berühmten Kommunistischen Manifest des Jahres 1818. Dessen Autoren, Karl Marx und Friedrich Engels, sind noch heute vor allem in Wien hochverehrt. Ein riesiger Gemeindebau und ein prominenter Platz sind nach ihnen benannt, der Begriff „Austromarxismus“ hat hier immer noch einen guten Klang.

Daran ändert auch sein heftiger Antisemitismus nichts. So äußerte sich Marx zur „Judenfrage“: „Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld. Nun wohl!“ Das war kein Ausrutscher. In einem Briefwechsel mit Engels etwa äußern sich die beiden in höchst primitiver und abfälliger Weise antisemitisch über Ferdinand Lasalle.

Karl Marx war ein deklarierter Anhänger der Gewalt, nicht nur im Lichte der Revolution von 1848, sondern auch noch viele Jahre später. 1872 sagte er in seiner Rede:  „Die Gewalt ist es, an die man eines Tages appellieren muss, um die Herrschaft der Arbeit zu errichten.“ Bald begannen Diktatoren auf der ganzen Welt, seine Thesen auf ihre Weise in die Tat umzusetzen. Die Russische Revolution 1917 war nur der Auftakt, der von Massenmördern wie Josef Stalin, Pol Pot oder Mao Zedong zu seinem grausamen Höhepunkt geführt wurde. Sie sind heute bei uns geächtet. Andere gewalttätige kommunistische Revolutionäre wie Che Guevara sind weiterhin hoch geehrt. Erst kürzlich erhielt dieser ein Denkmal in Wien.

Nun, so wird häufig relativiert, Marx´ Thesen seien bloß missbraucht worden. Seine Kapitalismuskritik und seine Gesellschaftstheorie seien bahnbrechend gewesen, diese hätten viel Gutes für die Menschheit bewirkt. Das hat sicher seine Berechtigung und darüber kann man diskutieren. Das wird es auch, und zwar ausgiebig. Anlässlich des Jubiläums gibt es in Wien eine Sonderausstellung, eine Vortragsreihe der Volkshochschulen und eine Ringvorlesung am Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien. Dabei werden alle möglichen Facetten des Gedankengebäudes von Karl Marx erläutert und seine Relevanz für die heutige Zeit analysiert.

Auf der Homepage der Wiener Volkshochschulen werden diese Veranstaltungen wie folgt beworben:  „Am Beginn des 21. Jahrhunderts sind die Erkenntnisse von Karl Marx aktueller denn je.“ Neben dem Bezug auf die Wirtschaftskrise 2008 werden zahlreiche andere aktuelle Bezüge hergestellt. „Wie haben DenkerInnen des Austromarxismus, die teils abstrakten Ideen von Karl Marx konkret in einer sozialistischen Stadt in einem konservativen Staat umzusetzen? Gemeinsam gehen wir diesen Fragen nach.“ Das ist in der Tat ein aktuelles Thema.

Fast ident wie die Wiener Volksbildner argumentiert das kommunistische Regime in China. Dieses will ebenfalls anlässlich des runden Geburtstags ihres ideologischen Gründers seinen Untertanen dessen Denkgebäude wieder näher bringen und die Aktualität seiner Thesen darstellen.

Was bei uns in diesem – von „Ö1“ ergänzten – Reigen völlig fehlt und in einer freien Demokratie anders als im diktatorischen China wohl angebracht wäre, ist eine kritische Auseinandersetzung mit den problematischen Aspekten von Marx‘ Denken und Theorien, deren teils brutalen Umsetzung, deren Folgen bis heute und mit seinem persönlichen Zugang zu Gewalt und Antisemitismus. Es entsteht der Eindruck, hier wird alles, was seine Gloriole (zer)stört, bewusst ausgeblendet und es werden nur Einzelteile herausgepickt und für die aktuelle Debatte zurechtgebogen. Der Glaubwürdigkeit der Linken, die gerne und teilweise völlig zurecht mit dem Finger auf historisches Fehlverhalten ideologisch anders Gerichteter zeigt, ist ein derartiger Zugang allerdings recht abträglich.