Die Caritas ist Opfer ihres eigenen Erfolgs und braucht eine Reform

24.04.2018

Das katholische Hilfswerk leistet wertvolle Arbeit, ist aber zu einem „Sozialkonzern“ und einer beliebigen humanitären NGO geworden. Mit all ihren Problemen.

Hinter verschlossenen Türen brodelte es schon längere Zeit. Nun ist die tiefgreifende Kluft zwischen den Bischöfen und der Caritas-Leitung, was Auftrag und Ausrichtung der Caritas betrifft, durch die kürzlich erfolgte öffentliche Maßregelung des Kardinals durch die Caritas-Direktoren und den Präsidenten deutlich sichtbar geworden.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Es gehört zum Wesen der katholischen Kirche, sich zu bestimmten gesellschaftlichen Fragen zu äußern. Heikel wird es, wenn es  gezielt gegen einzelne Parteien geht und man jenen Kritikern eine Bestätigung liefert, die eine parteipolitische Schlagseite wahrnehmen. Genau das ist bei der Caritas derzeit der Fall: Erkennbar in deren Statements und an der Österreich-Zentrale als Auffangbecken für ehemalige Grün-Politiker. Eine parteipolitische Positionierung ist ein großes Problem für die katholische Kirche und für all jene, denen tätige Nächstenliebe als zentraler christlicher Wert am Herzen liegt.

Die Öffentlichkeitsarbeit nimmt bei der Caritas viel Platz ein. Es ist wichtig, auf Missstände hinzuweisen. Aber es ist gefährlich, (Partei)Politik machen zu wollen oder sich dafür instrumentalisieren zu lassen. Das schadet nicht nur der Caritas, sondern der Kirche insgesamt. Letztere hält sich parteipolitisch zu Recht tunlichst zurück, die Vorwürfe gegen den Kardinal sind ungerechtfertigt.

In seiner ersten Messe sagte Papst Franziskus, dass die Kirche ohne die Verkündigung Jesu zu einer „frommen Nichtregierungs-Organisation“ werde. Bei anderer Gelegenheit warnte er davor, zu viele Strukturen und Büros aufzubauen, denn die Kirche sei keine rein humanitäre NGO. Doch auf genau diesem Weg befindet sich die Caritas schon seit längerem. Sie ist enorm gewachsen, ein „Sozialkonzern“ mit Tausenden Angestellten, hunderten Einrichtungen, Heimen, Bürogebäuden, Werkstätten und den damit verbundenen finanziellen Verpflichtungen. Das wirtschaftliche Risiko tragen meist die Diözesen, ebenso die Kosten für viele Mitarbeiter. Mitzureden an der Strategie und dem Außenauftritt der Caritas haben sie jedoch meist wenig. Der Angestelltenapparat in der Zentrale wird immer mehr aufgebläht wird und hat sich verselbstständigt. Die Einnahmen der Caritas bestehen nur zu einem kleinen Teil aus Spenden, der Löwenanteil sind Vergütungen von Bund, Ländern und Gemeinden für erbrachte Leistungen oder Förderungen. Somit ist sie von der Politik abhängig.

Durch das enorme wirtschaftliche Wachstum der Caritas haben immer weniger Mitarbeiter eine innere Nähe oder überhaupt eine positive Beziehung zur christlichen Werthaltung und zur katholischen Kirche. Dessen ist sich die oberste Caritas-Leitung bewusst, aber handlungsunfähig. Das führt dazu, dass die Dienstleistungen der Caritas mittlerweile beliebig sind und diese genauso gut Mitbewerber erledigen könnten.

Leidtragende dieser Entwicklung sind die untergeordneten diözesanen Caritas-Organisationen, die Pfarr-Caritas und deren ehrenamtlichen Helfer. Sie sind die Träger des ursprünglichen Gedankens von Caritas und leisten ihre Arbeit meist unbemerkt. Sie engagieren sich für den Nächsten in Not, gehen von Tür zu Tür oder auf die Straße, um zu helfen oder Spenden zu sammeln, und können sich dann anhören, was man über „die Caritas“ denkt.

Es braucht daher ein Gesundschrumpfen, eine Konzentration auf die wesentlichen Aufgaben der Caritas. Und das sind jene, die andere NGOs des „Sozialbusiness“ so nicht erfüllen: Zum Beispiel Einsame besuchen und Kranken durch Gespräche beistehen, ehrenamtliches Engagement für den Nächsten in Not in jeder Form. Denn (Nächsten-)Liebe ist etwas Höchstpersönliches, das man nicht delegieren und mit Geld bezahlen kann. Der Kirchenleitung ist der Mut zu wünschen, endlich tiefgreifende Reformen vorzunehmen, um ideellen und möglicherweise finanziellen Schaden für die Kirche abzuwenden.