Warum der „Anschluss“ bereits 1918 stattfand und nicht 1938

24.04.2018

Vor genau 80 Jahren marschierte die Deutsche Wehrmacht ein. Obwohl kein Schuss fiel und viele jubelten, war es ein gewaltsamer Akt und eine Annexion.

Nur wenige Zäsuren in der Geschichte Österreichs wecken so widersprüchliche Gefühle und werden so ambivalent bewertet wie der 12. März 1938. An diesem Tag überschritt bekanntlich die Deutsche Wehrmacht die Grenzen Österreichs, ohne Widerstand des österreichischen Bundesheeres und unter dem Jubel eines Teils der Bevölkerung.

Heute wissen wir um die Hintergründe und den Schrecknissen des „Tausendjährigen Reichs“, dennoch fallen wir immer noch in gewisser Weise auf dessen Propaganda herein, etwa, indem wir immer noch den Terminus „Anschluss“ verwenden. Dies folgt der NS-Suggestion, dass es sich um einen von beiden Seiten gewollten und freiwilligen Zusammenschluss gehandelt hätte. Doch dem war im Jahr 1938 keineswegs so, im Gegenteil. Bekanntlich war es ein zentrales Ziel der Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur, die Eigenständigkeit Österreichs zu erhalten. Die geplante Volksabstimmung veranlasste Hitler, den Einmarschbefehl zu geben, denn man ging davon aus, dass die Österreicher für die Eigenständigkeit stimmen würden. Die Stimmungslage war damals tatsächlich sehr patriotisch, selbst in den Reihen der Sozialdemokratie, die allen Grund hatte, nicht der Regierungslinie zu folgen.

Umso seltsamer und historisch inkorrekt ist es daher, dass heute selbst in wissenschaftlichen Standardwerken behauptet wird, die Österreicher seien mehrheitlich für den „Anschluss“ gewesen. Belegt wird dies einerseits mit dem Jubel auf den Straßen, andererseits mit der Abstimmung vom April 1938, bei der 99,7 Prozent für den „Anschluss“ stimmten. Ausgeblendet wird dabei, dass Österreich zu diesem Zeitpunkt bereits Teil eines Terrorregimes war, viele saßen im Gefängnis oder waren auf der Flucht. Teile der Bevölkerung durften gar nicht abstimmen und es wurde starker Druck ausgeübt, mit „Ja“ zu stimmen.

In der „Anschluss“-Frage gibt es eine Wandlung in der historischen Betrachtung: Nach 1945 deklarierte sich Österreich übereinstimmend als „Opfer“, um sich einer Mitverantwortung an den Nazi-Gräueln zu entziehen. Spätestens ab der Waldheim-Debatte kippte diese Sichtweise ins Gegenteil und seither ist Österreich, sind wir alle „Täter“. Beides ist falsch. Völkerrechtlich gesehen handelte es sich 1938 eindeutig um eine Annexion, gleichgültig, ob es militärischen Widerstand gegeben hatte oder nicht. Und obwohl zweifellos viele jubelten und Österreich nationalsozialistisch bereits unterwandert war, ist es unhaltbar davon zu sprechen, dass die Mehrheit 1938 den „Anschluss“ wollte.

Österreich hatte tatsächlich mit großer Mehrheit einen Anschluss an Deutschland angestrebt, allerdings 20 Jahre zuvor: Nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns und dem verlorenen Ersten Weltkrieg sah man den Anschluss an Deutschland als einzige Überlebenschance des deutschsprachigen Teils der ehemaligen Monarchie. So begründete sich die Erste Republik als „Deutschösterreich“ und als Bestandteil des Deutschen Reichs. Dies wurde bekanntlich von den Siegermächten verboten, die ein starkes Deutschland fürchteten. In Westösterreich hatten zuvor Volksabstimmungen stattgefunden, die einhellig für ein Zusammengehen ausgingen. Weitere Volksabstimmungen wurden von der Entente verhindert.

Auf diese Anschluss-Sehnsucht baute später der Nationalsozialismus auf. Allerdings sahen ihn nur die Großdeutschen als „unverrückbaren Leitstern“ ihrer Außenpolitik. Die Christlichsozialen hatten bereits die Österreich-Ideologie entwickelt. Die Sozialdemokraten hatten den „Anschluss“ zwar immer noch im Programm, allerdings nicht an Nazi-Deutschland, sondern um den Sozialismus besser realisieren zu können. Verwirrend für viele einfache Genossen war jedoch, dass ihr Parteiführer Otto Bauer auch nach der Machtergreifung Hitlers am Anschluss festhielt. Für ihn war die „reaktionäre“ Idee von Österreich ein größeres Übel. Karl Renner machte folgerichtig für den „Anschluss“ Propaganda.