Ein Doppelpass für Südtiroler als problematische Zwangsbeglückung

24.04.2018

In einer doppelten Staatsbürgerschaft sehen viele Südtiroler keinen konkreten Nutzen, ja sie fürchten sogar Nachteile.

Vor hundert Jahren tobte in den Dolomiten eine blutige Schlacht. In bis zu 3800 Metern Höhe, bei Nässe, Kälte, Schnee und Sturm beschossen einander die Armeen Österreich-Ungarns und Italiens, oft lagen die Stellungen nur wenige Dutzend Meter entfernt. Das Ergebnis war schrecklich. Lawinenabgänge und Krankheiten forderten zusätzlich ihren Tribut an jungen Menschenleben.

Dass Südtirol nach dem Ende des Ersten Weltkrieges Italien zugeschlagen wurde, entsprach nicht dem „Selbstbestimmungsrecht der Völker“, das US-Präsident Wilson damals vorschwebte. Vielmehr war es eine Art Kriegsbeute. Nach langem zähen Ringen und mit tatkräftiger Unterstützung Österreichs erhielt Südtirol nach dem Zweiten Weltkrieg eine weitgehende Autonomie und wusste diese klug zu nutzen.

Heute ist Südtirol die prosperierendste Region Italiens, mit hoher Lebensqualität, geringer Arbeitslosigkeit und der höchsten Geburtenrate. Das ist kein Zufall, denn die Südtiroler haben es verstanden, von beiden Seiten das jeweils Beste und Vorteilhafteste zu übernehmen. Von Italien etwa den Sinn für Ästhetik und die Kulinarik; von Österreich etwa die Familienpolitik und die Verwaltungsstruktur. Südtiroler sind meist beider Sprachen mächtig, studieren und arbeiten sowohl in Italien als auch in Österreich. Trotz kleinerer Geplänkel hatte man spätestens seit dem EU-Beitritt Österreichs und dem Zusammenwachsen des historischen Tirol den Eindruck, dass die Südtiroler sich recht gut mit ihrer Situation arrangiert hätten.

Umso größer war die Überraschung, dass die neue Regierung den deutschsprachigen Südtirolern nun den österreichischen Pass geben möchte. In der Wiener Innenstadt prangen prompt Plakate, auf denen zu lesen ist: „Süd-Tirol dankt Österreich für die Möglichkeit, schon bald wieder den Pass unseres Vaterlandes zu bekommen!“ Gezeichnet ist der Text vom Südtiroler Heimatbund. Dieser sieht darin eine „Wiedergutmachung“ der Annexion Südtirols durch Italien nach dem Ersten Weltkrieg. Ist das wirklich für die Südtiroler heute ein so dringender Wunsch, fragt man sich? Und ist das heutige Österreich wirklich noch das Vaterland, das es für die Groß- und Urgroßväter der heute lebenden Südtiroler war? Und wer konkret wird Anspruch darauf haben?

Die Empörung kam prompt. Viele Italiener sehen den Vorstoß in Richtung Doppelpass als Zeichen der Undankbarkeit und als Vorbote der Abspaltung und sind verärgert. Doch wird hier ausgeblendet, dass auch Italien seit 2006 der Italienisch sprachigen Minderheit in Kroatien und Slowenien den Doppelpass anbietet.

Hört man sich bei Südtirolern um, so verziehen viele bei dem Thema die Miene, auch die deutschsprachigen. Vor allem die Jüngeren können damit wenig anfangen. Was soll uns das bringen? Wir sind ja ohnehin alle in der EU? Sie hegen eher Befürchtungen, als dass sie in Euphorie verfallen: Müssen wir dann Militärdienst in Österreich leisten? In Italien ist dieser ja abgeschafft. Und müssen wir dann auch nach Wien Steuern zahlen? Werden wir unsere Sonderrechte behalten? Einzig die stete Zunahme der Italienisch sprachigen Bevölkerung und die Abnahme des Deutschen macht etlichen Sorgen. Das würde ein Doppelpass aber auch nicht ändern. Viele Südtiroler vermuten, es gehe eher um einen politischen Erpressungsversuch in Richtung Rom als um konkrete Vorteile für die deutschsprachige Bevölkerung.

Beim Aufreißen alter Wunden, die zweifellos noch vorhanden sind, muss man vorsichtig sein. Das weiß auch Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher, der sich auffällig zurückhaltend und gar nicht euphorisch zum Doppelpass äußerte, obwohl ihn auch seine Partei gefordert hat. Die Südtiroler sind Pragmatiker. Ihnen ist viel wichtiger, dass die Brennergrenze offen bleibt, sie ihre Autonomie behalten und dass die EU Italien mit der Flüchtlingsproblematik nicht allein lässt. Der Doppelpass würde insgesamt wohl mehr Probleme aufwerfen als lösen.