„Schneeflocken“ und das Produzieren von Menschen auf Vorrat

28.02.2018

Vor 40 Jahren wurde das erste Retortenbaby weltweit geboren. Seither wird herumexperimentiert. Gesundheitliche und ethische Fragen bleiben im Dunkeln.

Louise Joy Brown kam im Jahr 1978 in Großbritannien per Kaiserschnitt zur Welt. Sie war der erste Mensch, der durch künstliche Befruchtung gezeugt und lebensfähig geboren wurde. Nun ist der Kinderwunsch ein schönes und berechtigtes Bedürfnis, diese Methode gab und gibt vielen Paaren Hoffnung auf ein eigenes Kind. Doch schon damals waren die Reaktionen gespalten: Was die einen als großartigen Fortschritt bejubelten, empfanden die anderen als problematisch.

Bald entflammte eine Debatte über Ethik und Grenzen des medizinischen „Fortschritts“. So titelte der deutsche „Spiegel“ im April 1992: „Baby-Fabriken – Die Qualen der Retorten-Zeugung“.  Die Autoren wiesen darauf hin, dass die Pein der Frauen groß, die Ausbeute aber vergleichsweise mager sei: „Tägliche Hormonspritzen, Blutentnahmen, die Punktionen der Eierstöcke, die Übertragung der befruchteten Eier (...), ein stressbeladener Vorgang, der meistens mit der Abbruchblutung endet.“ Auch wurde kritisch angemerkt, dass 20.000 tiefgefrorene Embryonen gelagert würden.

Die  In-vitro-Fertilisation (IVF) wurde damals als letzte Möglichkeit betrachtet, heute gilt sie als alltägliches Instrumentarium und die Reproduktionsmedizin ist ein riesiges Business. In den zentralen Fragen sind wir jedoch nicht viel weiter gekommen. Noch immer wissen Reproduktionsmediziner nicht, welche gesundheitlichen Folgen die massiven Hormonbehandlungen im Detail haben, oft werden Frauen nicht über die Risiken aufgeklärt. Auch das Gesundheitsrisiko für das Baby ist beträchtlich, etwa durch das Schwimmen der Embryonen in einem Chemiecocktail, dessen jeweilige Zusammensetzung und Auswirkung unbekannt sind. Eindeutig ist das signifikant höhere Risiko einer Frühgeburt bei IVF-Babys, mit all ihren Beeinträchtigungen und einem enormen Aufwand an medizinischer Betreuung.

Kürzlich wurden in Österreich – verspätet aber doch – erstmals Daten über IVF, Eizellen- und Samenspende und die Selektion von Embryonen nach der Präimplantationsdiagnostik, also der gezielten Suche nach „Schäden“, veröffentlicht. Die Fortpflanzungsmediziner wurden durch ein entsprechendes Gesetz vor zwei Jahren verpflichtet, ihre Daten weiterzuleiten. In wesentlichen Punkten halten sich die Institute, die mit der IVF sehr viel Geld verdienen, aber weiter bedeckt: So kann man aus den Daten nicht erkennen, wie oft die künstliche Befruchtung zum Erfolg führte, wie viele Früh- und Totgeburten es gab und nach welchen Krankheiten Embryos „aussortiert“ wurden. Nach 40 Jahren IVF wissen die Öffentlichkeit und auch die Politik nicht, in welcher Relation bei der IVF das gesundheitliche Risiko für Mutter und Kind und die erfolgten Geburten stehen. 

Auch die ethische Debatte wird kaum geführt. Viele sind daran interessiert, dass Risiken und ethische Fragen im Dunkeln bleiben. Mittlerweile gibt es 30.000 tiefgefrorene Embryonen, verklausuliert „Schneeflocken“ genannt,  allein in Österreich. Hier wurde ein riesiger „menschlicher Vorrat“ angelegt. Das ist gegen die Würde des Menschen und wirft gewaltige ethische Fragen auf. Die derzeitige Gesetzeslage verpflichtet die Institute, die Embryonen nach zehn Jahren zu vernichten. In Deutschland wird derzeit debattiert, sie statt dessen für die Forschung freizugeben, damit deren Existenz „einen Sinn“ habe.

Es gibt zwar eine Bioethikkommission, doch diese hat sich in ihrer Mehrheit nicht als kritische Kontrollinstanz erwiesen. Sie ist eher ein Feigenblatt für die jeweilige Bundesregierung, denn ihre Mitglieder werden allein vom Bundeskanzler bestellt. Außerdem ist es fraglich, dass eine derartige Kommission einfach abstimmt und dann „Empfehlungen“ abgibt, die dann von der Regierung übernommen werden. Das verunglückte Fortpflanzungsmedizingesetz, das etwa die Eizellspende erlaubte, zeigt, dass in diesem Bereich sehr großer Diskussions- und Reformbedarf besteht. Allerdings braucht es Mut bei den politisch Verantwortlichen, derart heikle ethische Fragen offensiv anzugehen.