Müssen Politiker und Chefs moralisch eine weiße Weste haben?

16.01.2018

In der Causa Pilz bleibt ein schaler Nachgeschmack. Werden hohe moralische Maßstäbe nur angewendet, wenn es der politischen Taktik dient?

Über eines sind sich wohl (hoffentlich) alle einig: Sexuelle Belästigung ist kein Kavaliersdelikt und keinesfalls einfach wegzuwischen, schon gar nicht, wenn es sich um Mitarbeiterinnen handelt. So gesehen ist der Fall des Peter Pilz klar. Ob das seinen Sturz rechtfertigt, ist eine andere Frage. Es bleibt nämlich ungeachtet der Tatsache, dass derlei Verhalten nicht akzeptabel ist, der schale Nachgeschmack der schnöden politischen Rache. Man benützt ein Fehlverhalten, von dem man schon lange wusste, Jahre später als Retourkutsche.

Die Frage ist nämlich: Wenn für die Grünen, die gerne andere Parteien nicht nur in Sachen Frauenrechten maßregelten, die Handlungen ihres Parteistars verwerflich waren, wieso wurden dann für Pilz keinerlei Konsequenzen gezogen und die Sache verheimlicht? Das Argument, das Opfer wollte nicht an die Öffentlichkeit, ist nicht stichhaltig. Das hätte sie ja auch nicht müssen, der Club hätte Pilz einfach ausschließen oder nicht mehr aufstellen können. Es geht ja um die politischen, nicht um die juristischen Konsequenzen. Eva Glawischnig hat eingestanden, dass sie derlei in anderen Parteien angeprangert und nicht toleriert hätte. Solange Pilz der Partei nützlich war, hat man es unter den Teppich gekehrt. Dann kam der Tag der Rache für die Abspaltung und den Rauswurf aus dem Parlament. Und da spielte man die Information an die Medien weiter. Der Verlust von Macht und hochdotierten Jobs ist eben ein starkes Motiv.

Einige weitere Fragen spielten in der Causa Pilz keine Rolle, obwohl sie unbedingt zu diskutieren sind: Inwieweit muss ein Politiker moralisch überhaupt eine weiße Weste haben? Und ist nur die sexuelle Belästigung verwerflich? Ist es nicht auch moralisch höchst fragwürdig, wenn mächtige Männer in Politik und Wirtschaft sogenannte „Verhältnisse“ mit ihnen untergebenen Frauen haben? Inwieweit kann so eine „Beziehung“ überhaupt rein freiwillig seitens der Frauen sein? Wären diese Frauen auch dazu bereit, wenn ihr Job und damit ihre wirtschaftliche Existenz nicht von diesen Männern abhängen würden? Können sie sich den Avancen jener, die darüber bestimmen, überhaupt verschließen? Ist nicht auch dies das Ausnützen eines Autoritätsverhältnisses?

Der Unterschied ist, dass dieses Verhalten gesellschaftlich akzeptiert ist, ja augenzwinkernd zur Kenntnis genommen wird, und sexuelle Belästigung nicht (mehr). Nun stellt sich die Frage: Wenn Belästigung und Demütigung von Frauen verwerflich sind, wieso wird dann nur eine bestimmte Form davon angeprangert? Was passiert wirklich „freiwillig“ und was nicht? Ist es nur dann unfreiwillig, wenn man sich physisch oder juristisch zur Wehr setzt? Besteht nur dann ein Unrechtsbewusstsein?

Umgekehrt müssen wir uns fragen, ob es legitim ist, die Verdienste eines Politikers oder Unternehmers oder Künstlers an dessen privater Moral zu messen? Es gibt in der Geschichte genügend Beispiele, wo dies nicht der Fall war, wo hochverehrte und -verdiente Männer kein moralisch einwandfreies Leben führten.

Um ehrlich zu bleiben, müssen wir uns entscheiden: Ist persönliche Moral im Beziehungsleben und ein entsprechendes Verhalten Voraussetzung für ein hohes Amt in der Politik oder für die Führung eines Unternehmens? Oder ist diese Art des moralischen Verhaltens kein Kriterium, sondern es geht nur um die Leistung? Dann hat all dies, solange es nicht gegen Gesetze verstößt, im Privaten zu bleiben und darf sich nicht nachteilig auswirken. Bei Ersterem muss das Kriterium der Moral dann für alle gelten und sofort Konsequenzen nach sich ziehen. Keinesfalls dürfen derartige Verfehlungen nur bei Bedarf als Giftpfeile aus dem Köcher gezogen werden, wenn man eine bestimmte Person los haben will. Denn das relativiert auch das Unrecht, das den Opfern zugefügt wurde, die dann bloß Mittel zum Zweck sind. Und das wäre eine weitere Demütigung.