Haben religiöse Feiertage für nichtreligiöse Menschen einen Wert?

16.01.2018

Österreich ist Spitzenreiter bei den Feiertagen, auch andere Religionen fordern diese. Gleichzeitig wenden sich immer mehr von der Religion ab.

Christliche Feiertage haben uns kürzlich Herbstferien ermöglicht, in Wien und Niederösterreich haben am 15. November Schüler und Beamte wegen des Leopolditages frei. Die Geschäfte sind bereits angefüllt mit Weihnachtsartikeln, bald eröffnen die ersten Adventmärkte. Unbedarfte Besucher könnten denken: Was ist das für ein frommes Volk, das seine religiösen Feste so hochhält?

Wir wissen es besser. So ist nicht anzunehmen, dass etwa der Gemeinde Wien, die sonst stets alles Christliche tunlichst ins rein Private verbannen will, an der Verehrung des heiligen Leopold als ihres Landespatrons aus religiösen Gründen so viel gelegen ist und sie deshalb ihren Bediensteten und den Schülern frei gibt. In Wien sind die Katholiken mittlerweile eine Minderheit, die Kirchgänger in noch stärkerem Ausmaß. Die Mehrheit ist ohne religiöses Bekenntnis.

Wir erleben eine interessante Ambivalenz: Religion soll im öffentlichen Leben möglichst zurückgedrängt werden, man denke etwa an die Diskussionen um Kreuze in Klassenzimmern und Gerichtssälen. Das sei reine Privatsache, hört man stets. Immer weniger Menschen lassen ihre Kinder taufen und immer mehr gehören keiner Religionsgemeinschaft mehr an. Geht es jedoch um die Feiertage, wird Religion augenblicklich ganz wichtig, auch wenn man nicht weiß, was eigentlich gefeiert wird. Da will man nicht einmal auf den Ostermontag verzichten, obwohl dieser selbst nach Ansicht des Kardinals nicht unbedingt ein Feiertag sein müsste.

In Deutschland ist im Zuge der Bundestagswahl eine heftige Debatte über islamische Feiertage entbrannt. Der Innenminister hatte vorgeschlagen, diese in Gebieten mit hohem muslimischen Bevölkerungsanteil zuzulassen. In Österreich, gibt es, was vielen nicht bewusst ist, für Muslime gesetzlich geschützte Feiertage. Diese sind im Islamgesetz von 2015 festgeschrieben, es sind dies das Ramadanfest, das Opfer-Pilgerfest und Aschura, ein Trauer- und Bußtag. Allerdings sind diese nicht arbeitsfrei, nur Kinder können auf eine Empfehlung des Unterrichtsministeriums an diesen Tagen schulfrei erhalten. Für die Evangelischen gibt es den Karfreitag als gesetzlichen Feiertag, mittlerweile ist die Zahl der Muslime höher als jene der Protestanten in Österreich. Auch die jüdische Kultusgemeinde fordert, wie die Muslime, eigene gesetzliche und arbeitsfreie Feiertage, konkret den jüdischen Neujahrstag und den Versöhnungstag.

Wieso sollen tiefreligiöse Menschen an ihren Hochfesten arbeiten müssen und andere, denen Religion nichts bedeutet, haben an religiösen Feiertagen frei, könnte man fragen? In der Habsburgermonarchie hatte jede Religionsgemeinschaft ihre eigenen freien Feiertage. Allerdings gab es damals noch keinen Urlaubsanspruch und freie Wochenenden. Österreich ist bereits jetzt ein Land mit einer rekordverdächtigen Anzahl an Feiertagen. Die Wirtschaft wird aus gutem Grund zusätzliche freie Tage ablehnen. Es erscheint nicht sinnvoll, nun eine Reihe weiterer arbeitsfreier Tage für alle einzuführen.

Es würde sich jedoch lohnen, einmal prinzipiell über den Wert von Feiertagen nachzudenken. Was bedeutet es, wenn Menschen, die einander nahestehen, Zeit für einander haben können, diese gemeinsam verbringen, miteinander feiern, herausgehoben aus dem Alltag? Das wäre ja eigentlich auch die Bedeutung des Sonntags. In einer immer flexibler werdenden Arbeitswelt wird es zunehmend schwierig, dass etwa Familien gemeinsam eine Mahlzeit einnehmen können. War es vor zwei Generationen noch selbstverständlich, dass eine Familie wochentags gemeinsam zu Mittag aß, ist dies heute die Ausnahme.

Man kann es auch positiv sehen: Selbst wenn viele Menschen nichts mit der christlichen Religion zu tun haben (wollen), auf die Kraft und den Halt, die sie bieten kann, verzichten, so haben sie durch die Feiertage immer wieder eine Erinnerung daran, dass da etwas ist, das mehr bedeutet, mehr ist als Genuss und Konsum. Und das ist ja auch schon etwas.