Paris im Sommer 2017: Soldaten, strenge Kontrollen, Terrorangst

06.10.2017

Seit der Attentatsserie 2015 herrscht in Paris der Ausnahmezustand. Der Terror hat die Stadt tief geprägt und verändert.

Eine Parisreise vor 25 Jahren, zum Pflichtprogramm zählte natürlich der Besuch des Eiffelturms. Man spazierte ganz gemütlich über das Marsfeld, den großen Park vor dem Turm, und holte sich ein Ticket am Schalter. Dann erklomm man den Turm mittels Schrägaufzug oder Treppe. Eine Besichtigung des Eiffelturms im Sommer 2017 spielt sich völlig anders ab. Keine Spur von Entspanntheit, ganz im Gegenteil gewinnt man den Eindruck, Paris befände sich im Kriegszustand: Im Umkreis des Turms stehen Dutzende, schwer bewaffnete Soldaten. Sie mustern aufmerksam die Passanten und wirken sehr angespannt. Vor den Kassen befinden sich Betonblöcke und Sicherheitsschleusen, wo man strenger kontrolliert wird als am Flughafen. Handtaschen ausleeren, Metallgegenstände ablegen, Leibesvisitation – volles Programm. Vor dem Eingang dieselbe Prozedur nochmals. Geduldig warten die Touristen in langen Schlangen, schließlich geht es um die eigene Sicherheit. Das Großaufgebot an Militär und Polizei lässt einen hoffen, dass sich kein Attentäter einschleicht. Ein unbehagliches Gefühl bleibt trotzdem und man ist irgendwie erleichtert, wenn man wieder festen Boden unter den Füßen hat.

Es gibt derzeit wohl kaum eine Stadt in Europa, in der die Bürger und die Besucher häufiger und intensiver durchsucht und überwacht werden. Nicht nur in der Nähe der Touristenattraktionen, selbst am Eingang von Kaufhäusern und Einkaufspassagen muss man stets seine Taschen öffnen und mitunter Leibesvisitationen über sich ergehen lassen. Die Pariser sind derlei offenbar gewohnt und gehen sehr lässig mit diesen, die persönliche Freiheit einschränkenden, Maßnahmen um.

Seit der schrecklichen Attentatsserie in Paris im November 2015, bei der 130 Menschen starben und 352 verletzt wurden, befindet sich Frankreich im Ausnahmezustand. Die Ausnahmegesetze wurden mehrmals verlängert und sind bis heute in Kraft. Doch die Anschläge hören nicht auf. Im April dieses Jahres schoss ein junger Mann in eine Gruppe Polizisten, im Juni ging ein Mann mit einem Hammer vor der Kathedrale Notre Dame auf einen Polizisten los und nur wenige Tage später rammte auf den Champs Elysées ein Attentäter ein Polizeiauto. Die Nervosität der Sicherheitskräfte ist also durchaus begründet.

Doch gegen wen befindet sich die Nation eigentlich im Krieg? Das Beklemmende ist, dass der Feind im eigenen Land oder in Europa auf eine Gelegenheit lauert, wieder zuzuschlagen. Es sind nicht Kämpfer aus dem arabischen Raum, sondern im Land geborene junge Männer. Alle Attentäter stammten aus Frankreich oder dem benachbarten Belgien. Sie wuchsen in Europa auf, meist in Problemvierteln am Stadtrand, und radikalisierten sich dort. Somit werden Grenzkontrollen, und seien sie noch so rigide, wenig ausrichten und Attentate nicht verhindern.

Vom Eiffelturm erhält man einen weiten Blick über den Großraum Paris. Da sind einerseits die inneren Bezirke, wo die Quadratmeterpreise doppelt oder dreimal so hoch sind wie im Wiener ersten Bezirk. Hier zu wohnen, das können sich nur mehr sehr wohlhabende Menschen leisten. Außerhalb der Stadtautobahn erstrecken sich bis in weite Ferne die wildwachsenden Hochhäuser der Banlieu. Dort herrscht eine Art Krieg: Kriminalität, Gewalt, Straßenschlachten, brennende Autos. Die Polizei wagt sich nachts kaum mehr in diese Viertel. Angst, Armut, Jugendarbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit prägen diese Gegenden. Was in Paris zunehmend wegbricht, ist der Mittelstand. Extrem hohe Steuern verhindern es, dass dieser Vermögen und Reserven aufbauen kann. Man sieht oft alte Leute, die auf der Straße leben, betteln oder in Mülltonnen wühlen. Pensionisten, die sich mit ihren kleinen Renten die exorbitanten Mieten nicht mehr leisten können. In einem Staat, der Rekordsteuern einhebt, funktioniert das Sozialsystem und das Sozialgefüge zunehmend nicht mehr. Die Gesellschaft bricht immer mehr auseinander - und das Gefühl der Sicherheit.