Die „lebenden Dolche“ des persischen Sektenführers Hassan ibn Saba

06.10.2017

Islamistische Selbstmordattentäter gab es bereits im Mittelalter. „Alamut“: Ein vergessener Roman mit seherischem Inhalt.

Im Jahr 1938 veröffentlichte der slowenische Autor Wladimir Bartol seinen wichtigsten Roman: „Alamut, ein Roman aus dem alten Orient.“ Dem Buch war kein großes Publikum beschieden, der Zeitpunkt des Erscheinens war weltgeschichtlich unglücklich, außerdem erschien es nur auf Slowenisch und geriet in Vergessenheit. Erst im Jahr 1994 wurde der Roman wieder aufgelegt, sein Inhalt, der auf historischen Tatsachen beruht, ist heute jedoch von einer atemberaubenden Aktualität und Brisanz.

Persien im 11. Jahrhundert: Hassan ibn Saba, der Anführer der radikalen islamischen Sekte der Ismaeliten, hat sich auf Burg Alamut hoch in den Bergen zurückgezogen. Dort bildet er junge, fanatische Männer zu Anhängern seiner Lehre und zu wahren Kampfmaschinen aus. Sie lernen, dass alle anderen muslimischen Strömungen Irrlehren seien und deren Anhänger bekehrt oder vernichtet werden müssten. Hassan verspricht ihnen, dass sie bei blindem Gehorsam nach ihrem Tod direkt ins Paradies kämen, wo die im Koran beschriebenen Jungfrauen auf sie warten würden. Um ihnen zu beweisen, dass er den Schlüssel zum Paradies besitzen würde, setzt er einige von ihnen unter Drogen und lässt sie eine Nacht in seinem Harem verbringen. Er macht sie glauben, dass sie das Paradies gesehen hätten. Hassans Ziel ist es, den mächtigen Sultan der Seldschuken zu stürzen und so Persien von den fremdem Machthabern zu befreien. Um dieses Ziel zu erreichen, schickt er einzelne seiner treuesten Männer mit dem Auftrag los, den Sultan und dessen Großwesir zu ermorden. Als „lebende Dolche“ verbreiten diese Männer Angst und Schrecken im ganzen Reich und es gelingt so, das Seldschukenreich in Unruhe und Selbstlähmung zu stürzen.

Die Burg Alamut existierte tatsächlich und liegt etwa 100 Kilometer von Teheran entfernt, sie wurde 2004 bei einem Erdbeben zerstört. Auch die Person des Anführers, Hassan-i-Sabbah, ist eine historische Figur. Die Ismaeliten dehnten ihren Einfluss in ganz Persien und Syrien aus, ihre Herrschaft wurde erst 1256 durch einen Angriff der Mongolen gebrochen. Der Roman beschreibt über die historischen Ereignisse hinaus in fast seherischer Weise die aktuelle Situation in dieser Region. Hassan erinnert frappant an Osama bin Laden und an das Kalifat des „Islamischen Staates“, das Muster ist erschreckend ähnlich.

Dabei hatte der Autor Wladimir Bartol damals eine verklausulierte Kritik an den Despoten Hitler und Stalin schreiben wollen, ihre totalitären Systeme dienten ihm als Anlass. Aus diesem Grund wurde der Roman von den Nationalsozialisten verboten und Bartols Werke verbrannt. Einer der Schlüsselpassagen des Romans ist die Ansage Hassans, es werde ihm mit nur einer Handvoll entschlossener junger Männer gelingen, die Fürsten der ganzen Erde vor Angst beben zu lassen und ein Weltreich einstürzen zu lassen. Die Religion diene nur als Vorwand, als Märchen für die Leichtgläubigen. Die Wissenden wüssten, dass das letzte große Geheimnis das große Nichts sei, in dem alles erlaubt und nichts wahr sei.

In diesem Kontext wird dem Leser deutlich gemacht, dass die Instrumentalisierung junger Männer, ihre Fanatisierung bis hin zur Selbstzerstörung keine neue Erfindung, sondern ein immer wiederkehrendes Muster ist, unabhängig von Ideologie oder Religion. Diese dienen nur als Vorwand. Wenn der Autor beschreibt, wie die jungen Männer, die als „lebende Dolche“ ausgeschickt werden, vor Vollbringung ihrer Tat Rauschgift schlucken, so erinnert dies frappant an die den Waffenlieferungen an den IS beigelegten Drogen. Es lässt einen schaudern, wie es im Lauf der Geschichte immer wieder gelang, Menschen im Namen irgend einer Ideologie oder Religion zu unglaublichen Gräueln zu verleiten und sie dabei glauben zu machen, dass sie dadurch höheren, ja heiligen Zielen dienten. Ein „Gegengift“ oder ein Rezept, wie dieses nachhaltig zu verhindern wäre, liefert weder das Buch noch die aktuelle Politik.