Warum die Gesamtschule allein nicht mehr Chancengleichheit bringt

06.09.2017

Die Einführung der Neuen Mittelschule hat den Trend zum Gymnasium verstärkt. Die Ausrufung der Gesamtschule wird Ungleichheit und Segregation nicht verhindern.

Geübte Eltern kennen das Szenario: Spätestens gegen Ende der 3. Klasse Volksschule beginnt das Herumfragen: In welche Schule werden Sie Ihr Kind nächstes Jahr schicken? Wissen Sie eine gute Schule? Was bietet man dort? Welcher Herkunft sind die Kinder? Wie engagiert sind die Lehrer? Und noch eine Bemerkung kehrt regelmäßig wieder: Schade, dass die Volksschulzeit schon zu Ende geht und den Kindern nicht noch ein oder zwei Jahre vergönnt sind. Spannend wird es dann mit dem Jahreszeugnis der dritten Klasse, das meist entscheidend ist, ob das Kind überhaupt für das Gymnasium in Frage kommt. Und das ist für Eltern vor allem in Ballungszentren das große Ziel, unabhängig davon, ob ihr Kind dafür geeignet ist oder nicht.

Diese Erfahrungen und Beobachtungen lassen zwei große Fragen aufkommen: Warum muss sich ein Kind oder dessen Eltern bereits so früh entscheiden? Und wieso ist der Ansturm aufs Gymnasium ungebrochen, ja nimmt stetig zu, wo doch so viel unternommen wurde, um die Alternative in Form der Neuen Mittelschule attraktiver zu machen? Die nackten Zahlen zeigen, dass dies nicht gelungen ist. Hauptschulen, die schon zuvor gut im Rennen lagen – vor allem in ländlichen Regionen – bedurften nicht des neuen Taferls, um ihre Qualität und ihre Schüler zu halten. Und in den Städten brachte die Umbenennung wenig. Noch immer drängen die meisten in Privatschulen, weil sie sich bessere Chancen und Lernbedingungen für ihre Kinder erwarten.

Und nun kommt die Gesamtschule. Bei allem löblichen Engagement der zuständigen Politiker fragt sich der gelernte Österreicher, was nun anders werden soll? Wird das allein den Zustrom zu den Privatschulen stoppen? Wird nicht das, was in Ballungszentren in den Volksschulen zu beobachten ist, sich auch bei den Gesamtschulen wiederholen? Wir haben mit den Volksschulen nämlich schon eine flächendeckende Gesamtschule, also eine österreichweite Modellregion, und können dabei einige eindeutige Trends beobachten. So gibt es im ländlichen Raum und in kleineren Städten meist keine nennenswerten Probleme, die Lernziele zu erreichen. Schwierig ist es vor allem in der Großstadt und hier wiederum in Wien. Hier sprechen 50 Prozent der Schüler nicht Deutsch als Umgangssprache und das schlägt auf den Lernerfolg durch. Die Konsequenzen: Eltern aus bildungsaffinen Schichten geben die Kinder in Privatschulen oder ziehen ins Wiener Umland, um die Bildungschancen ihrer Kinder nicht zu gefährden.

Ähnliches wird sich bei der Gesamtschule wiederholen: Es ist voraussehbar, dass es auf dem Land kaum Probleme geben wird, in Ballungszentren wird es wiederum von der Zusammensetzung der Schüler abhängen. Es braucht, so eine Studie der Wirtschaftskammer aus 2014, vor allem geeignete Rahmenbedingungen, etwa autonome Schulen und individuelle Förderung. Allerdings braucht man dazu mehr Lehrer, aber man hat bereits jetzt Probleme, die Pensionierungen nachzubesetzen. Wird die Schulautonomie wirklich ausreichen, jedes Kind individuell zu fördern? Oder wird es zur gefürchteten Nivellierung kommen? Wird die Segregation noch stärker als bisher wirksam werden?

International ist beides beobachtbar. In Finnland, das ja als PISA-Vorzugsschüler gilt, scheint das System zu klappen. Hier wird kräftig gefördert. Allerdings hat man dort andere Voraussetzungen, etwa einen nicht vergleichbaren Migrantenanteil: In Österreich sind 17 Prozent der Bevölkerung im Ausland geboren, in Finnland nur fünf, der geringste Wert in Europa, die noch dazu aus eher einkommensstärkeren Schichten stammen. In Großbritannien gibt es ebenfalls die Gesamtschule, aber jeder, der irgendwie kann, gibt sein Kind in eine (meist teure) Privatschule. Denn der Ruf der Schule entscheidet über den späteren Bildungsweg und die Berufschancen. Chancengleichheit sieht anders aus, im Gegenteil herrscht extreme Ungleichheit. All dies sollte den Fans der Gesamtschule zu denken geben.