Zwölf-Stunden-Tag für Kleinkinder? Mit fatalen Folgen ist zu rechnen

06.09.2017

Warnungen von Kinderpsychiatern verhallen ungehört: Kleinkinder, die zu früh außer Haus betreut werden, haben keine gute Bindung und sind später gefährdet.

Es sind zwei Themen, die derzeit diskutiert werden und die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: Das eine ist die Flexibilisierung der Arbeitszeit, Stichwort 12-Stunden-Tag, das andere der dringend nötig scheinende Ausbau der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Bei der Flexibilisierung der Arbeitszeit landete die Debatte recht rasch beim Thema Kinderbetreuung. Seitens der Wirtschaftsvertreter und der Politik herrscht noch immer die Ansicht vor, dass Familie einen Störfaktor in der Arbeitswelt darstellt. Bei der sogenannten „Vereinbarung von Beruf und Familie“ geht es meist nur um die Verwahrung der Kinder in diversen Betreuungsstätten, und das möglichst früh und möglichst lange. Welche Auswirkungen dies auf die Kinder hat, spielt in den Überlegungen keine Rolle. Von Wirtschaft und Gewerkschaft wird dies begrüßt, weil es die Eltern für den Arbeitsmarkt freispielt. Teilzeitarbeit, Rücksichtnahme auf familiäre Verpflichtungen oder gar Verzicht auf Berufstätigkeit wird abgelehnt und schlechtgeredet. So riskieren Mütter und vor allem Väter in der Privatwirtschaft oft noch immer ihren Job, wenn sie in Karenz gehen. Es ist erfreulich, dass es Unternehmen gibt, denen Familienfreundlichkeit ein echtes Anliegen ist, allerdings sind sie klar in der Minderheit.

In zeitlich begrenzter Form, ab einem gewissen Alter und wenn die Qualität stimmt, ist eine außerhäusliche Betreuung ihrer Kinder für Eltern tatsächlich eine Option. Aber ob Kleinkindern ein Aufenthalt über zehn, elf oder gar zwölf Stunden in einer Betreuungseinrichtung  - und sei sie noch so hochwertig – gut tut, ist anzuzweifeln. Meist hapert es auch an der Qualität, denn einen als ideal betrachteten Betreuungsschlüssel in Kinderkrippen von einer Pädagogin für drei oder maximal vier Kleinstkinder wird nirgendwo erreicht, meist liegt man weit darüber. Familienähnliche Ersatzmodelle wie Tagesmütter oder Leihomas sind extrem unterbezahlt, werden mit immer mehr Hürden erschwert und die Förderungen gekürzt.

Seit Jahrzehnten gehen die Bestrebungen der Politik und der Wirtschaft dahin, die Kinder möglichst früh und möglichst lange von ihren Eltern zu trennen. Über die Konsequenzen dieses Trends wird nicht nachgedacht. Es sollte einem etwa zu denken geben, dass die Zahl von psychischen und Verhaltensstörungen bei Kindern stark zunimmt. Derzeit wird daher vehement der Ausbau der Kinder- und Jugendpsychiatrie gefordert. Das hat sicher seine Berechtigung, allerdings wird meist nicht erwähnt, was die Ursachen sind.

Hört man genau hin oder befragt Kinder- und Jugendpsychiater, erhält man eine einhellige Antwort: Diesen Kindern und Jugendlichen fehlt es an einer guten Bindung zu Haupt-Bezugspersonen, und das sind in der Regel die Eltern. Erleben sie diese nicht, hat das weitreichende Folgen. Das zeigt sich etwa bei jugendlichen Straftätern. Ein Psychiater, der viele Jahre lang straffällige Jugendliche betreut hat, konstatierte, dass diese alle in den ersten zwei oder drei Lebensjahren keine gute Bindung aufbauen konnten. Herkunft und sozialer Status seien weniger entscheidend für die Gefahr, später straffällig zu werden. Eine gute Bindung und Zugehörigkeit, wie sie Kinder in einer Familie erleben, seien auch wichtig für die Ausbildung des Gewissens. Eine fehlende oder schlechte Bindung in den ersten Lebensjahren ist für Psychiater also die Hauptursache für erhöhte Gewaltbereitschaft, Aggression, Mobbing und Jugendkriminalität.

Bindung braucht Zeit, Zeit der Eltern für ihre Kinder, vor allem wenn diese noch sehr klein sind. Staatliche Einrichtungen können Eltern nicht ersetzen, sondern nur unterstützen. Politik und Arbeitgeber sollen daher geeignete Rahmenbedingungen anbieten.  Eine moderne Gesellschaft braucht psychisch stabile, belastbare junge Menschen. Die Herausforderungen, die auf sie in einer sich ständig wandelnden, komplexen Welt auf sie warten, sind schwierig genug. Diese wertvollen Jahre sind also gut investiert!