Massen-Unis, Quoten und „soziale Gerechtigkeit“: Quantität vor Qualität

20.06.2017

Die Politik macht sich ständig Sorgen um die soziale Durchmischung. Über die Qualität der Unis und deren Ausbildung spricht niemand.

Österreich zähle zu den vier besten Ländern in Europa, in denen die Zusammensetzung der Studenten relativ repräsentativ jener der Wohnbevölkerung entspricht. Dies postulierte kürzlich stolz VP-Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner. Die Qualität hingegen scheint ihm weniger Kopfzerbrechen zu bereiten: Schon seit Jahren findet sich keine österreichischen Universitäten mehr im internationalen Spitzenfeld, im Gegenteil rutschen sie immer mehr ab. Deutschland hingegen konnte sich im Ranking deutlich steigern.

Dennoch beschäftigt sich nun nach der SPÖ, der immer schon die „soziale Gerechtigkeit“ an den Unis das wichtigste Anliegen war, nun offenbar auch die ÖVP mit dem Anteil von Arbeiterkindern und Migranten an den Unis. Um diesen weiter zu heben, erhöhte Mitterlehner die Stipendien ab diesem Semester um 25 Millionen Euro. Nun ist es sicher höchste Zeit, Stipendien und Einkommensgrenzen an die Inflation anzupassen. Und es ist sinnvoll, dass sich Studenten vorwiegend auf ihr Studium konzentrieren und sich nicht die Nächte als Kellner um die Ohren schlagen müssen. Pikant ist, dass er auch Kinder von getrennt lebenden Eltern besonders fördern will. Bezeichnet sich die ÖVP nicht als Familienpartei? Wie steht es mit Alleinverdienern? Leistet man dabei nicht dem Sozialbetrug Vorschub, wie dies bereits bei der erhöhten Kinderbeihilfe der Fall ist?

Die Stipendien allein werden nicht dafür sorgen, dass nur die Besten und Qualifiziertesten an den heimischen Unis studieren. Und „Gerechtigkeit“ wird dadurch auch nicht hergestellt. Es gibt das Gratis-Studium für alle – auch für Migrantenkinder und EU-Bürger. EU-Bürger haben übrigens ebenfalls Anspruch auf ein Stipendium, was nur in wenigen anderen EU-Ländern üblich ist. Nach ihrem Abschluss kehren sie dann mehrheitlich in ihre Heimatländer zurück und nehmen ihr vom Steuerzahler finanziertes Wissen mit sich.  Es gibt kaum ein Land der Erde, wo Bildung vom Kindergarten bis zum Hochschulabschluss kostenlos für alle ist.

Dennoch sind die Voraussetzungen niemals für alle gleich: Höchst ungerecht ist es etwa, dass Studenten, die in einer Universitätsstadt zuhause sind, gratis daheim wohnen können, während sich Auswärtige ein teures Zimmer mieten müssen. Es ist auch ungerecht, dass sich Kinder von Ärzten beim Medizinstudium leichter tun und nachher die Praxis der Eltern übernehmen können. Arbeiterkinder werden diesen Vorsprung nur schwer aufholen. Es geht eben nicht nur ums Geld.

Generell vermisst man in der Diskussion, dass sich die heimischen Unis in einer schweren Krise befinden. Uni-Professoren beklagen zunehmend, dass das „Bologna“-System gescheitert sei. Der Bachelor werde von der Wirtschaft nicht anerkannt, er gelte nicht als vollwertiger Abschluss. Also müssten Studenten den Master anhängen, was das Studium verlängere. Aufnahmeprüfungen haben mancherorts das Problem der Massen-Uni entschärft, gelöst ist es nicht. Massen-Lehrveranstaltungen sind für beide Seiten frustrierend. Und mit Multiple-choice-Tests lässt sich nicht wirklich abprüfen, ob ein Stoff verstanden worden ist. Völlig abhanden gekommen ist die Vermittlung des kritischen Denkens und Hinterfragens, weil es kaum mehr einen direkten Austausch zwischen Professoren und Studenten gibt. Im Gegenzug werden die Studenten mit dem Gendern von Texten gequält und müssen mit schlechteren Beurteilungen rechnen, wenn sie dies verweigern – oder die Arbeit wird gar nicht erst angenommen.

Es ist Zeit, sich endlich von der Vorstellung zu verabschieden, dass mehr Studenten generell einen Gewinn für unsere Gesellschaft und Wirtschaft bedeuten. Vielmehr hängt es von der Qualität der Ausbildung ab. Solange wir Numerus-clausus-Flüchtlinge aus Deutschland massenhaft an unseren Unis gratis ausbilden, im Gegenzug unsere begabtesten jungen Leute ins Ausland abwandern, weil dort bessere Unis und bessere Jobs zur Verfügung stehen, solange müssen wir uns mit der Qualität statt mit der Quantität und der „sozialen Durchmischung“ beschäftigen.