Themenverfehlung beim Frauentag: Sicherheit und Respekt statt Gendern

20.06.2017

Viele Frauen haben Angst vor Übergriffen. Heimische Feministinnen beschäftigt vielmehr die Quote in Aufsichtsräten und das Gendern.

Sich anlässlich von Welttagen über ein bestimmtes Thema zu verbreitern, ist eigentlich ein Zeichen von Einfallslosigkeit. Doch es kann auch höchst aufschlussreich sein, wenn man die Themensetzung des „Internationalen Frauentages“ der letzten Jahre analysiert.

Im Jahr 2014 etwa riefen die Grünen zu einer Demo unter dem Motto „FrauenLesbenMädchen“ auf. Es gab Veranstaltungen zu Geschlechtergerechtigkeit und „gleichberechtigter Teilhabe am Erwerbsleben und an politischen Prozessen“. Heuer steht die Demo unter dem Motto „Echte Mädchen werden starke Frauen“ und die Themen lauten: Frauen für Frieden, Quoten für Aufsichtsräte und „organisierte Liebe“. Die Forderungen der SP-Frauen lauten heuer, wie auch in den Jahren zuvor, unter anderen: Recht auf Bildung, gleichen Lohn, mehr Vollzeitarbeitsplätze und Ausbau der Kinderbetreuung.

Die Themensetzung  spiegelt nicht wieder, dass wir in den letzten Jahren enorme Veränderungen in unserem Land erfahren haben. Sie hat mit der Lebensrealität von Frauen immer weniger zu tun. Mittlerweile ist etwa die Frage der Frauenquote in Aufsichtsräten noch mehr in den Hintergrund gerückt als noch vor wenigen Jahren, ebenso die Anliegen der Lesben oder das Gendern. Spricht man heute mit Frauen, so steht an erster Stelle die Sorge um die persönliche Sicherheit. Es ist alarmierend, wenn Frauen sich über Selbstverteidigungskurse austauschen oder darüber, ob ein Pfefferspray oder ein Taschenalarm effektiver sind, um eine Sexattacke abzuwehren. Frauen erzählen, dass sie nachts nicht mehr allein mit der U-Bahn fahren und bei Autofahrten die Zentralverriegelung aktivieren; Dass sie in der Dunkelheit ungern allein unterwegs sind und Männergruppen ausweichen. Bei den Frauen handelt es sich nicht um schüchterne junge Mädchen, sondern um gestandene Oberärztinnen, Lehrerinnen oder Führungskräfte in Unternehmen.

Diese Ängste sind nicht unbegründet. Der Gesetzgeber hat ja bereits reagiert und etwa das „Antanzen“ unter Strafe gestellt. Angst ist ein subjektives Gefühl und sie schafft bereits eine neue Realität, ganz gleich was irgendwelche Statistiken aussagen. Es hilft auch nicht, wenn gebetsmühlenartig darauf verwiesen wird, dass Gewalt an Frauen überwiegend innerhalb der Familie stattfindet. Wie beruhigend für Frauen, dass sie nicht nur zu Hause, sondern nun auch im öffentlichen Raum in Gefahr sind.

Bestätigt wird das Unbehagen, wenn Arabisch sprechende Frauen – Flüchtlinge und Arabistinnen – erzählen, dass sich Männer in öffentlichen Verkehrsmitteln abfällig über die anwesenden, mehrheitlich unverschleierten, Frauen äußern. Mehr als ein Jahrhundert lang haben Frauen in Europa dafür gekämpft, als gleichwertig anerkannt und dementsprechend behandelt zu werden, offenkundige Respektlosigkeit wagte kaum mehr jemand. Dies ist nun ein arger Rückschlag. Frauenverachtung ist kein „Kulturgut“ oder mit irgendeiner Religion zu rechtfertigen, sondern schlicht inakzeptabel.

Ebenso ist die Verschleierung kein Frauenrecht oder Zeichen von Selbstbestimmung. Wir dürfen nicht vom emanzipatorischen Standpunkt in Europa ausgehen, sondern von jenem in islamisch geprägten Ländern. Die muslimischen Feministinnen sind weitgehend einig, dass der Schleier ein Zeichen der Unterdrückung ist. Daher ist ein Verschleierungsverbot in unserem Land eine hilfreiche Unterstützung der feministischen Bestrebungen in der muslimischen Welt. Leitfaden kann ein Übereinkommen des Europarates sein, die „Istanbul-Konvention“: Ziel ist es, „Frauen ein gleichberechtigtes Maß an Sicherheit, Unversehrtheit und Würde zu gewähren und damit geschlechtsspezifische Ungleichheiten nachhaltig und langfristig zu bekämpfen“.

Wenn heimische Feministinnen aus fehlendem Wissen oder Empathie die Deklassierung von Frauen akzeptieren, dann brauchen sie sich über Frauenquoten in Politik und Wirtschaft bald keine Gedanken mehr zu machen.