Wien eilt auf dem schnellsten Weg zur „Zwangstagsschule“

29.11.2016

Die Ganztagsschule ist ein Lehrstück, wie sich der Wille der Bürger einer Ideologie unterzuordnen hat. Ob Geld verschwendet wird, spielt dabei ebenfalls keine Rolle.

In Zeiten der Zerstrittenheit ist die plötzliche Einhelligkeit, ja die Euphorie der Regierung erstaunlich: SPÖ wie ÖVP bejubeln ihre Einigung zum Ausbau der Ganztagsschule. Der Kanzler freut sich, weil die Qualität in Ganztagsschulen „deutlich besser“ sei als in herkömmlichen Schultypen. (Woher er das weiß, ist mangels Studien unklar.) Der Ausbau sei aus sozialpolitischer, integrationspolitischer und frauenpolitischer Sicht wichtig. Frauen in Teilzeitarbeit werde dadurch eine verstärkte Beteiligung am Arbeitsmarkt ermöglicht, meinte der Kanzler. Spätestens hier ist er einig mit den Interessen der Wirtschaft. Staatssekretär Mahrer, der Miterfinder des nunmehrigen Modells, preist in naiver Weise die Wahlfreiheit und die Schulautonomie. Dass trotz massiver Kritik die Mittel vorerst nur für die verschränkte, also verpflichtende, Form fließen, stört ihn nicht. Soweit Jubel und schillernde Theorie.

Doch wie sieht es in der Praxis aus? Bei kaum einem Thema scheiden sich die Geister von Eltern so sehr, wie in der Frage der Ganztagsschule: Ein Teil findet es gut, die Kinder den ganzen Tag betreut zu wissen, ein Teil lehnt dies kategorisch ab. Somit wäre der Auftrag an die Politik, eine Wahlfreiheit und ein qualitativ hochwertiges Angebot für beide Teile zu gewährleisten. Das sehen die meisten Bundesländer auch so, ausgenommen Wien. Mitbestimmung der Schulpartner gibt es in Wien nicht, obwohl dies gesetzlich verankert ist. Außerdem hat man die 40-Prozent-Marke längst überschritten und will alle Volksschulen in verpflichtende Ganztagsschulen mit verschränktem Unterricht umbauen - auch gegen den Willen der Eltern.

Ein aktuelles Beispiel: Die Gegend um den Türkenschanzpark in Wien ist der Prototyp eines Cottage. Noble Villen, Gärten, Parks – eine hochpreisige Wohngegend. Bildungsferne Migrantenfamilien wohnen hier kaum. Es gibt etliche öffentliche Volksschulen, fast alles Ganztagsschulen. Eine Ausnahme und bei bürgerlich-grünen Eltern besonders gefragt, so hört man, ist eine Schule mit Montessori-Schwerpunkt. Zum Entsetzen der Eltern (und Lehrer) wurden sie nun vor die vollendete Tatsache gestellt, dass die Schule ab dem nächsten Schuljahr in eine verschränkte Ganztagsschule umgewandelt wird. Der Hort, der ebenfalls einen ausgezeichneten Ruf hat, soll geschlossen werden. Die Schulbehörde verweist protestierende Eltern auf das Stadtratsbüro, wo dies entschieden worden sei.

Dieses Beispiel beweist, dass alle bisherigen Argumente pro Ganztagsschule nur vorgeschoben sind, in Wahrheit geht es um Ideologie! Von der SPÖ wurde stets behauptet, dass ihnen vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten und Migranten am Herzen lägen, die man quasi von der Straße holen und einer besseren Bildung zuführen wolle. Im Cottage? Und ob Integration besser gelingt, wenn man Kinder aus bildungsaffinen Familien, die eine Ganztagsschule ablehnen, samt und sonders nun bereits ab der Volksschule in Privatschulen treibt, weil nur noch dort Wahlfreiheit besteht, ist fraglich.

Damit zur Frauenpolitik, die dem Kanzler angeblich so am Herzen liegt: Es ist ein Akt massiver Bevormundung, wenn man den Müttern die Entscheidung nicht mehr selbst überlässt, ob und in welchem Ausmaß sie berufstätig sein oder ihre Kinder selbst betreuen möchten. Das erinnert stark an die in diesem Sinn frauenpolitisch sehr fortschrittliche DDR, in der alle Frauen zum Vollerwerb verpflichtet waren.

Nun fragt man sich: Sind die Millionen der Bankensteuer wirklich sinnvoll investiert? Wenn man Cottage-Schulen umbaut, statt sich auf Brennpunkt-Schulen zu konzentrieren, die das Geld dringend benötigen? Wo ist der sozialpolitische Mehrwert? Welchen Mehrwehrt hat es für die Kinder, wenn gegen den Willen der Eltern auf eine ganztägige Schule umgestellt wird? Und wo ist hier die Wahlfreiheit und die Schulautonomie? Wieso zerstört man gut funktionierende Strukturen? Ein sehr teures und fragwürdiges Experiment für eine Stadt, der die Schulden ohnehin über den Kopf wachsen!