Ein Alptraum in Thessaloniki: Therapie auf der nackten Erde

19.10.2016

Eine österreichische Ärztin konnte dem Leid nicht zusehen und reiste nach Griechenland, um medizinische Hilfe anzubieten.

Karin T. ist Ärztin aus Leidenschaft. Heuer hat sie ihren Urlaub in Griechenland verbracht. Allerdings nicht, um sich von den Strapazen ihres Berufes zu erholen, sondern um zu helfen. Sie habe nicht weiter vor dem Fernseher sitzen und dem Elend zusehen können, berichtet sie. Mit einem Auto voll von Kleidung, Medikamenten, Verbandszeug und Lebensmitteln machte sie sich auf nach Thessaloniki. Dorthin wurden jene Flüchtlinge umgesiedelt, die zuvor im berühmt-berüchtigten Lager von Idomeni auf ihre Weiterreise hofften. Die Zustände in Idomeni waren unfassbar schlecht, das hat auch Karin T. so erlebt, die bereits im Frühjahr in diesem Lager medizinische Hilfe leistete. Seither ist das Thema aus den Medien so gut wie verschwunden, man dachte, das Problem sei gelöst.

Doch nun, so berichtet sie erschüttert, sei es in den von der Regierung eingerichteten Lagern keineswegs besser. Als Unterkunft dienen leere Fabriksbaracken, eine war eine Hühnerschlachterei, eine Halle steht direkt neben einer Kloake, wo es unglaublich stinke. In den Hallen stehen Zelte, im Wasser. Wenn es regnet, dringt Wasser in die Hallen ein, das nicht versickern kann. Im Winter werde das noch schlimmer sein, warnt sie, und noch mehr Menschen würden krank. In den Hallen sei es dunkel, vor allem die Frauen lebten wie Maulwürfe, sie wagten sich nicht aus den Zelten, schon gar nicht nachts auf eine der wenigen Toiletten, aus Angst vor Übergriffen, erzählt die Ärztin entsetzt.

Karin T. fuhr auf eigene Faust nach Thessaloniki, nachdem die Akkreditierung durch das Rote Kreuz zu lange und kompliziert war. Sie behandelte Babies mit 40 Grad Fieber, die auf dem nackten Boden lagen. Sie verband Menschen, die Spuren von Misshandlungen aufwiesen, sie verabreichte Medikamente. Die medizinische Versorgung sei völlig unzureichend, berichtet sie. In der Tat gibt es nur vereinzelt Ambulanzen mit nur sehr eingeschränkten Öffnungszeiten in den Camps. Manche Flüchtlinge suchen öffentliche Spitäler auf. Damit strapazieren sie das ohnehin vor dem Kollaps stehende griechische Gesundheitswesen noch mehr, das es nicht einmal schafft, die eigene Bevölkerung zu versorgen. Hepatitis und Tuberkulose breiten sich immer mehr aus. Die Griechen haben Angst vor einer Seuche. Der verantwortliche griechische Migrationsminister ist mehr mit internen Intrigen beschäftigt als mit der Bewältigung der Flüchtlingskrise. Aber auch sonst ist eine derartige Belastung für ein Land, das sich ohnehin in einer schweren Wirtschaftskrise befindet, nicht zu schaffen. Allein auf dem griechischen Festland befinden sich mittlerweile etwa 50.000 Flüchtlinge.

Die Polizei ließ Karin T. nicht in ein Camp. Also breitete sie neben dem Eingang ein sauberes Tuch auf die Erde und behandelte dort die Menschen. Die Arbeit des UNHCR, das für die Flüchtlinge zuständig ist, sei völlig unzureichend, die griechischen Behörden seien korrupt oder arbeiteten zu langsam, um die Asylanträge zu bearbeiten. So müssten die Menschen lange in den Camps ausharren, darunter viele Kinder und Jugendliche. Selbst gesunde Menschen würden unter solchen Umständen krank, meint die Ärztin. Besonders dramatisch sei die Lage für chronisch Kranke, etwa Diabetiker oder jene mit Bluthochdruck. Sie erhielten oft keine Medikamente.

Sie habe allen, denen sie begegnete, ihre ärztliche Hilfe angeboten, auch den Polizisten. Obwohl sie bei den Flüchtlingen auch Verletzungen behandelte, die von Polizistenstiefeln herrührten. Sie verstehe nicht, dass solche Zustände auf europäischem Boden zugelassen würden, meint sie erschüttert.

Karin T. hatte schon im Vorjahr an der österreichischen Grenze geholfen, und auch in Ungarn und Serbien. Die Grenzen einfach dichtzumachen und dann wegzuschauen, meint sie, werde keine Probleme lösen. Sie will jedenfalls  weiter hinschauen und helfen, soweit es ihr eben möglich ist. Auf die europäischen Regierungen oder das UNHCR will sie sich nicht verlassen.