Die beiden Extreme im Umgang mit der Abtreibung

10.10.2016

Während in Polen Abtreibung generell kriminalisiert wird, darf man in Österreich nicht einmal Zahlen und Ursachen erheben, warum Frauen ihr Kind nicht zur Welt bringen.

Ein Film, der eben in den deutschsprachigen Kinos angelaufen ist, sorgt für Aufsehen und heftige Diskussionen. In „24 Wochen“ geht es um ein Paar, das im sechsten Schwangerschaftsmonat erfährt, dass ihr Kind schwer behindert ist. Nach langen Diskussionen und psychischen Krisen beschließt die Mutter, das Kind abzutreiben. Leider endet da der berührend gemachte Film, denn man hätte gern erfahren, wie das Paar mit dieser schwerwiegenden Entscheidung nachher umgeht, noch dazu, da der Vater das Kind wollte. Der Film rührt an ein Thema, das erst in letzter Zeit heftig diskutiert wird, nämlich am Spätabbruch, der in Österreich bis zur Geburt des Kindes straffrei möglich ist.

In Polen wird derzeit versucht, Frauen, die abtreiben, generell zu kriminalisieren und einzusperren. Frauen ist sicherlich nicht damit geholfen, wenn man sie wie Kriminelle behandelt oder sie in die Illegalität treibt. In Österreich hingegen wird die Problematik allzu leicht genommen. Das Thema Abtreibung will man nicht gerne debattieren, da mit der Fristenregelung alle Probleme gelöst scheinen. Über die Straffreiheit bis zum 4. Monat bei gesunden Ungeborenen herrscht  gesellschaftlicher Konsens und es stellt diese auch keine Partei in Frage. Legal und erlaubt ist Abtreibung entgegen der weit verbreiten Annahme aber auch hierzulande nicht. Der „Schwangerschaftsabbruch“ wird aber nur mehr technisch diskutiert, es fehlt in der öffentlichen Debatte jegliches Unrechtsgefühl, das Recht des Ungeborenen wird völlig ausgeblendet. So etwa wird so getan, als sei mit mehr Aufklärung, Gratis-Verhütungsmitteln und Abtreibung auf Krankenschein alles paletti. Das klingt so, als seien die Frauen bloß aus Not, Unwissenheit, ja Dummheit schwanger. Von den schweren psychischen Folgen ist ohnehin nie die Rede, die darf es nicht geben, weil es ja keine Schuld gibt. Sogar Abtreibungsärzte behaupten, dass sie alles unternehmen würden, damit es weniger Abtreibungen gäbe, nur eine Statistik wollen sie nicht.

Bloß kann niemand wissen, ob es mehr oder weniger Abtreibungen gibt, denn es gibt keinerlei Zahlen geschweige denn eine Ursachenforschung. In fast allen Ländern Europas existieren valide Zahlen. So etwa weiß man, dass in Deutschland im Jahr rund 135.000 Frauen abtreiben, wobei die Zahl im Jahr 2015 leicht rückläufig war. Man weiß, dass in nur vier Prozent der Fälle eine medizinische Indikation oder ein Gewaltverbrechen vorlagen. Man weiß, dass die Motive für die Frauen sehr unterschiedlich sind. Häufig genannt werden Unvereinbarkeit mit der momentanen Lebensplanung, Angst vor Verlust des Partners, des Arbeitsplatzes oder einer finanziellen Notlage.

In Österreich weiß man gar nichts, es gibt nur Schätzungen, dass Österreich bei den Abtreibungen im internationalen Spitzenfeld liegt. Seit langem bemüht sich „Aktion Leben“ um eine anonyme Abtreibungsstatistik. Diese wurde im Zuge der Fristenlösung als Begleitmaßnahme auch versprochen, bloß wurde dies nie umgesetzt. Nun ist das Parlament am Zug. Das oft gehörte Argument gegen eine Statistik lautet, man würde die Frauen damit unter Druck setzen. Da lässt man sie lieber mit der schwierigsten Entscheidung ihres Lebens allein. Es ist nämlich heftig zu bezweifeln, dass man den Frauen hilft, indem man die Thematik totschweigt und sich weigert, Daten zu erheben. Eine Motivforschung hingegen könnte ein Umdenken bewirken; Etwa bei Arbeitgebern, wenn sie erfahren, dass viele Frauen ihr Kind aus Angst um ihren Job abtreiben. Es würde mehr Augenmerk auf eine familienfreundlichere Arbeitswelt gelegt werden. Und es bestünde Handlungsbedarf für die Politik, wenn herauskäme, dass soziale Not ein wichtiger Abtreibungsgrund ist und sich Familien ein zweites oder drittes Kind nicht leisten können. In Wohlfahrtsstaaten sollte niemand in so eine Situation kommen. So weiß man nichts, handelt nicht und lässt die Frauen erst recht wieder allein.