Das beliebte Bild vom „Naziland“ in ausländischen Medien

27.06.2016

Anlässlich der Präsidentenwahl wurden alte Klischees wiederbelebt. Die Urheber sind meist in Österreich selbst zu finden.

In ausländischen Medien sind die Vorgänge in Österreich meist nur eine Randnotiz. Daher war man selbst in Journalistenkreisen erstaunt, welch enorme Aufmerksamkeit vor allem deutsche Medien wie „FAZ“, „Spiegel“ und „Zeit“ der realpolitisch recht bedeutungslosen österreichischen Präsidentenwahl schenkten. Aufmacher, ja ganze Sonderbeilagen waren der Wahl im kleinen Nachbarland gewidmet. Fast meinte man sich in die Zeit der Bildung der schwarz-blauen Regierung anno 2000 versetzt, so groß war die Aufregung, Österreich verwandle sich in ein Nazi-Land. Auch 2008, nach dem Erfolg der FPÖ bei der Nationalratswahl, sahen ausländische Medien eine „braune Gefahr“ heran dräuen. Bei jedem Anlass wird das alte Klischee stereotyp wiederholt.

Wenn dies aus der Ferne, von einer Hamburger oder Berliner Redaktion passiert, die die wirkliche Stimmung falsch einschätzt, mag man das ja noch verstehen. Dass aber Korrespondenten, die seit Jahren im Land leben, nicht mitbekommen, wie die Bürger denken, ist seltsam. An Sprachproblemen kann es ja nicht liegen, vielmehr bewegt man sich wohl meist in eng geschlossenen Intellektuellen-Zirkeln, lässt sich von Alt-68ern und Künstlern die Innenpolitik erklären und bemerkt offenbar nicht, dass man in einer „Blase“ lebt. Man muss den ausländischen Kollegen allerdings zugute halten, dass auch heimische Journalisten leichtfertig die Nazi-Keule schwingen.

Für Intellektuelle ist es deren Recht, ja Pflicht, eine kritische Haltung einzunehmen. Einer, der sich politische Kritik zur Lebensaufgabe gemacht hat, ist der Schriftsteller Robert Menasse. Den Zustand Österreichs beschreibt er oft brillant, mit Ironie und vielen Wahrheiten, aber stets als ein hoffnungslos „braunes“ Land mit rosa Zuckerguss. Trotz seiner vermeintlichen Deutungshoheit irrt er öfter gewaltig. So ortet er mittlerweile die Wurzel des Übels nicht mehr im Nationalsozialismus, sondern im „hausgemachten Faschismus“. Anlässlich der Bundespräsidentenwahl erklärte er in einem ZDF-Interview den Erfolg des FP-Kandidaten Hofer als „Kontinuität des Austrofaschismus“. Die umfassenden Rechte des Bundespräsidenten führt er auf diese Zeit der Diktatur zurück, in Wahrheit wurden diese von den großen Parteien gemeinsam beschlossen und fußen auf der Verfassung von 1929. Während man auch hierzulande erkannt habe, so Menasse weiter, dass der Nationalsozialismus böse sei, „war es möglich, das faschistische Gedankengut als Patriotismus weiterleben zu lassen“.

Auch wenn Menasse oft falsch liegt, lässt sich über seine Thesen immerhin diskutieren. Andere argumentieren hingegen nur mehr absurd. Kürzlich durfte der Schriftsteller Michael Scharang sich im „Spectrum“ dieser Zeitung zur „Lage der Nation“ äußern. Dabei legte er eindrucksvoll seine völlige Unbeschlagenheit in historischem Wissen und eine erschreckende Fahrlässigkeit in der Wortwahl offen. Gut ist für ihn nur der Kommunismus, alles andere ist „Faschismus“. Österreich sei die treibende Kraft in einem Europa, „in dem der demokratische Faschismus die sozialstaatliche Demokratie ablöst“. Wie bitte? Und weiter: „Demokratie ist die Herrschaftsform der Bourgeoisie“, und „Austrofaschismus, Nationalsozialismus, Zweite Republik – eine erbarmungslose Kontinuität“. Man kann nur hoffen, dass derlei Auslassungen im Ausland ebenso wenig ernst genommen und als Furor eines Ewiggestrigen erkannt werden wie hierzulande.

Wir haben uns schon so daran gewöhnt, dass Künstler, Schriftsteller und andere „Politexperten“ groteske und wütende Attacken gegen alles Österreichische reiten, dass sich kaum jemand mehr darüber aufregt. Wir sollten uns aber nicht wundern, wenn Österreich von ausländischen Journalisten einseitig, verzerrt oder falsch dargestellt wird. Angesichts solcher haarsträubender Thesen, die nicht auf kruden Internetseiten, sondern in ernsthaften Medien verbreitet werden, kann man den ausländischen Kollegen gar keinen Vorwurf machen, dass sie ein irriges Bild unseres Landes wiedergeben.