Binnen-I und Erniedrigung: Wenn Feminismus auf den Kopf gestellt wird

18.01.2016

In Europa erleben wir im Hinblick auf die Stellung der Frau zwei völlig konträre Haltungen: Die EU verordnet die Gender-Ideologie, während der Staat nicht einmal Übergriffe verhindern kann.

Kampf um Gleichberechtigung? Den brauchen wir nicht mehr, wir sind doch längst gleichberechtigt! So dachten wohl viele jüngere Frauen bis vor kurzem in unserem Land, ja in ganz Europa. Wer diskutiert noch darüber, ob Mädchen studieren dürfen? Mittlerweile stellen sie die Mehrheit der Absolventen heimischer Universitäten. Oder wer käme auf die Idee, dass eine junge Frau die Erlaubnis ihres Vaters braucht, wenn sie heiraten will? Wem ist noch bewusst, dass Ehemänner ihren Frauen verbieten konnten, einen Beruf auszuüben? Dabei ist dies erst in den 1970ern abgeschafft worden. Rechtlich betrachtet kann man von einer völligen Gleichstellung, ja in mancher Hinsicht sogar Bevorzugung der Frauen sprechen. Freilich gilt es, noch letzte Bastionen zu erobern, die Chefetagen in gleichen Teilen zu besetzen und endlich gleichen Lohn zu erhalten. Aber sonst?

In der Praxis sieht die Sache natürlich nicht so rosig aus, denn es gibt weiterhin Diskriminierung, Sexismus und Gewalt. Aber es herrscht ein starkes Unrechtsbewusstsein vor und diese Dinge finden meist nur versteckt statt und werden sanktioniert, wenn sie nachgewiesen werden. Wie viele Männer heute selbstverständlich die Gleichberechtigung der Geschlechter verinnerlicht haben, zeigten auch die Wortmeldungen der letzten Tage zu den Vorfällen in Köln. Sie ließen eine erfreuliche Solidarisierung mit den Frauen erkennen und an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

In mancher Hinsicht haben wir es sogar mit einem überschießenden oder fehlgeleiteten Kampf um Gleichberechtigung zu tun: An den Universitäten ist „Geschlechtersensibilität“ mittlerweile ein allumfassendes Schlagwort, bis zum Überdruss, sagen dort viele Männer hinter vorgehaltener Hand. Und die Gender-Ideologie fordert, dass jeder sein Geschlecht nach Belieben wählen soll.

Von einem Tag zum anderen wurde jedoch mit voller Wucht offenbar, was man zuvor kaum zu thematisieren wagte: Frauen werden in aller Öffentlichkeit zu reinen Sexualobjekten degradiert und gedemütigt. Das kannten wir bisher nur aus Indien oder aus Kairo. Es kann uns aber in Hinkunft alle, jede Frau in Europa, treffen. Auch die starken, selbstbewussten, gleichberechtigten Frauen werden damit konfrontiert, ganz archaisch auf ihr Geschlecht und ihre Körperlichkeit reduziert zu werden, auf ihre Rolle als „Opfer“ oder mögliches Opfer, das potentielle Täter möglichst wenig provozieren soll. Plötzlich ist so etwas Grundlegendes wie ihre persönliche Freiheit in Diskussion. Sie müssen sich von der Exekutive den (gutgemeinten) Rat anhören, nicht mehr allein im Dunkeln unterwegs zu sein, sich von Menschenansammlungen fernzuhalten und sich nicht „aufreizend“ zu kleiden.

Was nützt uns Frauen das Achten auf geschlechtergerechte Sprache, wenn unsere persönliche Freiheit so dramatisch eingeschränkt wird? Wie passt das zusammen? Eben gar nicht. Und es kam nicht so plötzlich, wie es scheint, mit den Vorfällen in Köln ist nur die Öffentlichkeit aufgewacht. Schon lange warnen Kennerinnen islamischer Länder, wie die Nahost-Expertin Karin Kneissl, vor den Problemen mit jungen Männern aus diesem Raum. Islamische Feministinnen beklagen nicht erst seit gestern, dass in ihren Heimatländern Frauen selbst bei Vollverschleierung ständig sexuell belästigt werden. Sie prangerten immer wieder das Unrecht und die Gewalt an, die Frauen in diesen Ländern systematisch angetan werden und forderten die Solidarität der Europäer. Sie wurden alle nicht gehört. Jener deutschen Polizistin, die ihren Alltag bei der Polizei und deren skandalöse Ohnmacht gegenüber Tätern mit Migrationshintergrund aufdeckte, schwappte eine Welle der medialen Empörung entgegen. Besäße sie nicht selbst griechische Wurzeln, man hätte sie flugs ins rassistische Eck verbannt.

Doch die Angst und die Sorge der Frauen in Europa um ihre persönliche Freiheit und Sicherheit, vor dem Verlust ihrer Würde, kennt kein politisches Etikett. Sie kennt auch keine Rasse oder Nationalität. Das entschlossene Eintreten gegen Erniedrigung und Gewalt ist auch ein Akt der Solidarität für jene Frauen, die auch aus diesem Grund aus ihrem Herkunftsland geflohen sind und in Europa Schutz und Sicherheit suchen. Wir haben zwar strenge Gesetze, doch deren Wirksamkeit darf angezweifelt werden, wenn sie nicht rigoros durchgesetzt werden.