Haus der Geschichte: Wer hat die Deutungshoheit über die Historie?

21.09.2015

Allein der Gesichtsausdruck der handelnden Personen bei der Präsentation des kürzlich erzielten „Kompromisses“ zwischen SPÖ und ÖVP über das Haus der Geschichte sprach Bände: Auf der einen Seite ein übers ganze Gesicht strahlender SP-Minister Josef Ostermayer. Er wurde sekundiert vom ebenso glücklich wirkenden Projektleiter, dem Historiker Oliver Rathkolb, und der Nationalbibliotheks-Chefin Johanna Rachinger. Sie wird künftig ihren Wirkungs- oder besser Machtbereich erheblich ausweiten dürfen. Auf der anderen Seite stand ein recht hilflos dreinblickender VP-Staatssekretär Harald Mahrer, der offenbar nicht recht wusste, wie ihm geschah. Er agierte, nachdem er die erste Phase des Projekts völlig verschlafen hatte, planlos, hatte sich offenbar nicht wirklich damit beschäftigt und keine brauchbare Strategie vorzuweisen.

Für den Beobachter war es eindeutig, dass Mahrer vom ausgebufften Ostermayer, der immer ein bis zwei Züge weiter ist, über den Tisch gezogen worden war. Er ließ Mahrer sein Luftschloss vom „Haus der Zukunft“ bauen, von dem es nicht einmal ein vages Konzept gibt und das auch sicher nie realisiert werden wird. Im Gegenzug können Ostermayer und Rathkolb ihr Konzept durchziehen, ohne dass ihnen der Koalitionspartner dreinredet. Man hat ja einen „Kompromiss“ erzielt. Es war weiters eine elegante Volte, dass man die öffentliche Kritik am Haus der Geschichte, das den Verdacht der sozialdemokratischen Geschichts(um)deutung erregt hatte, durch einen Expertenbeirat abfederte. Und um die Kritiker an der Umsiedlung der Instrumentensammlung zufrieden zu stellen, bleibt diese in geringerem Umfang erhalten. Somit hat das Haus der Geschichte noch weniger Platz, weshalb eher von „Räumen der Geschichte“ die Rede sein sollte.

Für den Beirat konnten, wie von Rathkolb beteuert hatte, tatsächlich internationale Kapazitäten und Historiker aller Richtungen gewonnen werden. Sie haben auch wirklich ein umfangreiches Papier erarbeitet, das sehr viele, sehr gute Anregungen und Ideen enthält. Bloß um ein „Konzept“, wie behauptet, handelt es sich nicht, vielmehr um eine überlange Wunschliste ans Christkind. Aus Platz- und Geldmangel wird davon nämlich kaum etwas realisiert werden können.

Entscheidend wird daher sein, was überhaupt umgesetzt und wie es vermittelt wird. Angesichts der vielen heiklen und umstrittenen Abschnitte in der österreichischen Zeitgeschichte sind das keine unwichtigen Fragen. Man denke nur an die Jahre 1934 oder 1938. Und ganz entscheidend wird sein, wer es umsetzt. Wer wird die Leitung des Museums innehaben? Wer sind die Kuratoren? Wie und von wem werden sie bestellt? Wird es eine Schau, die „Geschichtspolitik“ betreibt? Diese definiert der renommierte deutsche Historiker Heinrich A. Winkler als „Inanspruchnahme von Geschichte für Gegenwartszwecke“. Und genau das ist es, woran sich die Bedenken knüpfen, das dies von den handelnden Personen beabsichtigt ist.

Es stellt sich nämlich die Frage, wieso Minister Ostermayer in Zeiten extremer Budgetknappheit das Projekt so wichtig ist, dass er es trotz unabsehbarer Kosten und nicht zeitgerechter Fertigstellung zum Jubiläumsjahr der Republik 2018 unbedingt so rasch als möglich realisieren will? Nun, als gelernter Politiker weiß er: Macht ist vollkommen, wenn man nicht nur die politische Macht besitzt, sondern auch die Deutungshoheit über Kultur und Wissenschaft. Er will die Chance, die ihm das Wissenschafts- und Kulturressort in Hand der SPÖ bietet, unbedingt nützen.

Auf das Ergebnis darf man gespannt sein. Zu vermuten ist, dass die Habsburger und die konservativen Kräfte in der Zeitgeschichte nicht gut wegkommen werden. Das lassen zumindest die vom Projektleiter genannten Schwerpunktsetzungen annehmen. Doch Rathkolb hat die Chance zu beweisen, dass der Wissenschaftler in ihm sich durchsetzen wird gegen alles parteipolitische Kalkül. Dies wäre umso wichtiger, weil in diesen Räumen der Jugend die jüngere Geschichte unseres Landes vermittelt werden soll. Die Verantwortung ist daher besonders groß, keine einseitige parteipolitisch motivierte Indoktrination zu betreiben, sondern sich um Ausgewogenheit und Unparteilichkeit zu bemühen.