Die Pyramide wird zum Kelch: Das Schwinden der produktiven Kräfte

22.06.2015

Derzeit halten wir einen traurigen Rekorde bei der Zahl der Arbeitslosen, die Zahl der Pensionisten steigt dramatisch. Wer ist eigentlich noch produktiv tätig in Österreich?

Bei all den Diskussionen um die Steuerreform, wer davon profitiert und wer sie zu zahlen hat, verliert man leicht den Überblick. Gehen wir einmal weg von den Details und schauen uns an, wer in Österreich eigentlich zu jenen Bürgern zählt, die das gesamte Solidarsystem finanzieren. Wer ist eigentlich (noch) produktiv tätig in diesen Land? Wer erwirtschaftet den Wohlstand, den die Politik dabei ist, zu verspielen?

Der Anteil an der Bevölkerung, der am Tropf des Staates hängt und ganz oder teilweise ihren Lebensunterhalt vom Staat bezahlt bekommt, ist beträchtlich: Arbeitslose, Schulungsteilnehmer, Sozialhilfeempfänger und, als weitaus größte Gruppe, die Pensionisten. Ihre Zahl steigt rasant, einerseits aufgrund der schlechten Wirtschaftslage und andererseits aufgrund der Demographie. Auch falsche und fehlgeleitete Politik leistet ihren Beitrag, wie etwa die Belastungen für die Wirtschaft durch hohe Abgaben und zu viele Vorschriften und das zu frühe Pensionsantrittsalter. Derzeit halten wir bei einem Stand von immerhin 2,7 Millionen Pensionisten und Rentenempfängern. Im Gegenzug sind etwas mehr als 4 Millionen Bürger erwerbstätig.

Das ist die Situation heute. Aufgrund der Bevölkerungspyramide können Experten ziemlich exakt vorhersagen, dass sich die Situation in naher Zukunft zuspitzen wird. Manche von ihnen prognostizieren, dass bereits ab 2017 das System kippen wird. Bei dem derzeitigen Verhältnis erscheint dies durchaus realistisch. Bald gehen nämlich die „Babyboomer“ in Pension, womit sich die Pyramide auf den Kopf stellt und zu einem Kelch wird, einem bitteren Kelch für beide Seiten.

Die Zuwanderung, die als Allheilmittel für die abnehmende Zahl der Beitragszahler gepriesen wurde, löst in der bisherigen, ungeregelten Form, das Problem nicht. Ein erheblicher Anteil der derzeit 360.000 Arbeitslosen besteht heute nämlich aus schlecht qualifizierten Migranten, womit diese ebenfalls am Tropf hängen. Wenn man sich vorstellt, dass in Zukunft noch mehr Arbeit durch Computer und Roboter ersetzt wird, dann kann man sich leicht ausmalen, dass schlecht qualifizierte Zuwanderer das Problem des Generationenvertrages nicht lösen, sondern eher verschärfen werden. Gut qualifizierte Zuwanderer, wie etwa derzeit junge Menschen aus den Krisenländern Italien oder Spanien, werden wir hingegen zunehmend brauchen.

In Österreich gibt es 463.600 Selbständige, 40 Prozent von ihnen beschäftigen Mitarbeiter. Klein- und mittelständische Unternehmen geraten immer mehr unter Druck. Angesichts dieser Lage ist es unverständlich, dass gegen Unternehmer polemisiert, Steuern in diesem Bereich erhöht und Investitionen erschwert werden. Das Gegenteil wäre notwendig: So müsste die Regierung alles tun, um die produktiven Kräfte in diesem Land ernsthaft zu unterstützen und zu motivieren. Leistung müsste generell, auch bei den Unselbständigen, belohnt statt bestraft werden. Und außerdem sollte sie sich schleunigst Gedanken darüber machen, wie in Zukunft die Balance zwischen Erwerbstätigen und unproduktiven Kräften aussehen soll. Denn die Leistungsgrenze der Produktiven ist bereits jetzt erreicht, wenn nicht überschritten.

Es ist kein Zufall, dass sich Widerstand zu formieren beginnt. So etwa ruft die Initiative „Politreform jetzt“ heute zu einer Demonstration gegen die Politik der Regierung auf. Die Proteste der Packesel der Nation werden in Zukunft sicher noch lauter. Noch schlimmer ist der stille Protest: Es darf nicht sein, dass junge, gut ausgebildete Österreicher aufgrund unattraktiver Arbeitsbedingungen, hoher Steuern und/oder relativ geringer Entlohnung in noch größeren Scharen das Land verlassen, als sie das jetzt schon tun. Denn Bildung, Kreativität und unternehmerischer Geist sind die Trümpfe für ein kleines Land im globalen Wettbewerb. Es ist also eine der großen Herausforderungen, in Österreich nicht nur für gute Bildung zu sorgen, sondern attraktiv für gut qualifizierte Menschen zu bleiben oder zu werden.