Integration nach 50 Jahren? Die Angst der Politik vor der Realität

08.06.2015

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach Eintreffen der ersten Gastarbeiter in Österreich will sich die SPÖ nun mit dem Thema Integration beschäftigen. Ein rekordverdächtiger Spätzünder.

Sie hieß Türkan. Sie war ein nettes, intelligentes Mädchen und das einzige „Gastarbeiterkind“ in unserer Volksschulklasse. Es war Anfang der siebziger Jahre, unsere Klasse umfasste 32 Kinder und unser Lehrer setzte Türkan neben mich. Sie konnte noch kein Wort Deutsch und ich sollte ihr helfen, dem Unterricht zu folgen. Dass ich im Alter von acht Jahren in der Funktion einer Stützlehrerin scheitern würde, war klar. Also wurde Türkan nach einem Jahr in die Sonderschule abgeschoben. Wir waren alle sehr traurig und fanden das ungerecht. Aber so etwas wie Förderunterricht gab es eben noch nicht. Zum Abschied schenkte ich ihr mein Fahrrad, aus schlechtem Gewissen, weil ich ihr nicht hatte helfen können.

Vierzig Jahre später hat sich an der Problemlage nicht viel geändert, außer, dass oft nicht nur ein einziges Kind pro Klasse nicht oder nur schlecht Deutsch spricht. Auch an der mangelnden Unterstützung der Lehrer hat sich nicht viel geändert. Bis vor wenigen Jahren durften die Lehrerinnen in Wiens Volksschulen nicht einmal kommunizieren, dass sie ein massives Problem in dieser Richtung hätten, geschweige denn, dass man ihnen offensiv unterstützend beigestanden hätte. „Die Direktorin hat uns verboten, uns beim Schulinspektor über die Schwierigkeiten mit Migrantenkindern zu beklagen“, berichtete mir einmal eine Wiener Lehrerin.

50 Jahre nach Eintreffen der ersten Gastarbeiter können diese oft immer noch nicht richtig Deutsch, selbst wenn sie schon seit Jahrzehnten hier leben, ebenso deren Kinder und Enkel. Es hat sich niemand darum gekümmert, für einen Hilfsarbeiterjob reichte es schon. Es wurden keine Anforderungen an sie darüber hinaus gestellt und es wurde ihnen auch kein Weg aufgezeigt, wie die nächste Generation den Aufstieg schaffen könnte. Stattdessen gab es die ungewohnten Wohltaten des Sozialstaates, von Familienbeihilfe, Sozialhilfe, Pflegegeld bis hin zur Gratis-Wohnung im Gemeindebau. Im Gegenzug sollten sie bei Wahlen ihr Kreuzerl brav bei der SPÖ machen. Aber das wichtigste gab es nicht: Druck für Integration und für mehr Bildung als Voraussetzung zum sozialen Aufstieg. Die Voraussetzung dafür: Gute Sprachkenntnisse und eine abgeschlossene Ausbildung.

Die logische Konsequenz ist, dass bei den Arbeitslosen der Anteil jener, die über beides nicht verfügen, immer mehr steigt. Sie sind vom AMS nicht vermittelbar und damit ein massives Problem. Jeder, das es wagte, von diesen Dingen zu sprechen, war ein Rassist, Faschist, hatte Stammtischniveau etc. An die Problemlösung machte man sich nicht. Man verschloss zum Beispiel einfach die Augen vor den negativen Begleiterscheinungen der an sich positiven Öffnung der Grenzen . Es darf nicht sein, dass seither die Kriminalität sprunghaft gestiegen ist. Das sei nur „gefühlt“, wird entgegnet. Seltsam, dass beinahe jeder von uns Opfer von Wohnungs- und Hauseinbrüchen und/oder Autodiebstählen geworden ist und Alarmanlagen eine Notwendigkeit geworden sind.

Es darf nicht sein, dass in Klassen mit vielen Kindern mit nicht-deutscher Muttersprache aus bildungsfernen Schichten das Niveau beeinträchtigt oder ein geregelten Unterricht fast unmöglich ist. Es darf nicht sein, dass man von allen Bürgern, gleich welcher Herkunft, erwartet, dass sie sich an die Gesetze halten. „Rechte Rülpser“ oder „nie wieder Rassismus“ zu schreien, ist wohl keine vernünftige Antwort.

Wenn nun angesichts einer dramatischen Wahlniederlage manche in der SPÖ umzudenken beginnen, dann ist das nicht nur zu spät, sondern auch der falsche Ansatz: Man sollte nicht umdenken, um den Siegeszug der FPÖ zu stoppen, sondern weil es einfach überfällig ist, die Probleme endlich an der Wurzel zu packen. Hauseinbrüche und hohe Arbeitslosenzahlen haben nämlich kein parteipolitisches Mascherl, sondern die Bürger haben ein Anrecht darauf, dass sich die Politik dessen schleunigst annimmt.