Der Verlust des Neutralen und des Zweifels

erschienen auf: libratus.online

Sowohl gesellschaftlich als auch politisch gibt es einen klaren Trend, ja, einen regelrechten Zwang: Ständig muss man sich bekennen. Auf der Strecke bleiben Differenzierung und Zweifel.

Bevor man seine Gedanken zu einem Thema ausführt, muss man sich gegen oder für etwas deklarieren, um sich nicht verdächtig zu machen. Firmen brauchen ein „Mission statement“, bevor sie ihr Produkt anbieten. Ein Muss dabei ist derzeit das Bekenntnis zu Nachhaltigkeit und Diversität. Es werden Bekenntnisse erwartet, die eindeutig sind, klar, unzweifelhaft. Selbst wenn man sich aufgrund mangelhafter Fakten, Informationen und Zeit noch gar keine Meinung bilden konnte. Es geht ja auch gar nicht um das Resultat einer wohlüberlegten Meinungsbildung. Es geht um ein Bekenntnis, es geht also um eine Glaubensfrage in einem quasi-religiösen Sinn. Je weniger Religion, desto mehr Bekenntnis in anderen Bereichen, scheint es.

Hegt man nur den geringsten Zweifel, meldet Kritik an oder gesteht der Gegenseite einen berechtigten Kritikpunkt oder ein Argument zu, landet man flugs im Feindeslager; Ist nicht mehr „einer von uns“; Ist ein „Versteher“ oder ein „Leugner“. Ja es genügt schon, Differenzierung einzufordern, um sich verdächtig zu machen. Grautöne sind nicht erwünscht, ja, werden als gefährlich betrachtet. Sie stören die Klarheit, die Einfachheit des Schwarz-Weiß-Denkens, der Gut-Böse-Kategorisierung.

Im Krieg der Meinungen

Rechnet man sich selbst keiner Seite zu, sondern nimmt man Distanz oder Neutralität in Anspruch, hilft das ebenfalls nicht, ungeschoren zu bleiben. „Debatten“, „Konflikte“, eine Kultur des Streits scheint es heute nicht mehr zu geben - bei Abweichung ist immer gleich Krieg. Und im Krieg der Meinungen gibt es heute genauso wenig die Möglichkeit zur Neutralität wie im Krieg zwischen Ideologien oder Staaten.

Ein Beispiel: Der bekannte US-Ökonom Jeffrey Sachs meinte kürzlich im Hinblick auf die Geopolitik, „Die USA hassen die Neutralität.“ Und er fragte, wie ein neutrales Land wie die Schweiz sich dazu hergeben könne, eine Friedenskonferenz (jene im Juni 2024) einzuberufen, bei der nur eine Konfliktpartei eingeladen sei und die andere nicht dabei sein dürfe.

Die Neutralen und die Zweifler sind verdächtig, sich nur scheinbar – aus Feigheit oder Berechnung – nicht eindeutig zu deklarieren. Ja sie könnten sich insgeheim längst einer Seite angeschlossen haben und unter diesem Deckmantel deren Geschäft betreiben.

Das Abwägen von Interessen und Argumenten ist im Freund-Feind-Schema somit überflüssig und unerwünscht. Gute und fundierte Argumente der Gegenseite gelten als gefährlich, denn sie könnten die eigene Haltung infrage stellen, den Schnellschluss und das simple Weltbild durcheinanderbringen. Also müssen sie abgewehrt und abgewertet oder gleich gelöscht werden. Denn wer will in einer Welt des propagierten Chaos und der Verwirrung die Klarheit einer simplen Wahrheit oder der Vernunft? Somit kann das, was gestern als gut galt, heute zum Bösen werden. Wer Frieden will, besorgt somit das Werk des Feindes, und wer nach Krieg schreit, tut Gutes. Für das Neutrale, das Nüchterne, Vernünftige ist hier kein Platz.

Alles muss eingeordnet werden

Wo Zweifel und Differenzierung keinen Platz haben, ist umso mehr Haltung, Überzeugung und klare Positionierung gefragt. Alles und jeder muss sogleich „eingeordnet“ werden. Darunter versteht man, dass Fakten und Argumente, die die allgemein als richtig deklarierte Position in Zweifel ziehen oder dieser gar entgegenstehen, als Unfug markiert werden; als Argument, das auch das Feindeslager bemüht und infolgedessen nicht diskutiert, sondern umgehend abgeschmettert werden muss.

Das Neutrale, der Zweifel und die Differenzierung sind nicht nur ein Hindernis für klare Zuordnung, sondern werden von jenen, die nur das Gut-Böse-Kategorien zulassen, aus einem weiteren Grund zur Gefahr: Sie zeigen einen Weg, dass es auch anders geht, dass man nicht bedingungslos bei einer Seite mitmachen und gegen die andere ankämpfen muss. Und genau darin liegt die Hoffnung auf Kompromisse und friedliche Lösungen. Und deswegen sind sie so wichtig.

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