Wahre Weisheit liegt in Begegnung mit Menschen und der Wirklichkeit

01.09.2021

Beleidigungen, Aggression, Verdächtigungen und Verdrängung der Wirklichkeit prägen den öffentlichen Diskurs.

 

Die beste Methode, zu herrschen und uneingeschränkt voranzuschreiten, besteht darin, Hoffnungslosigkeit auszusäen und ständiges Misstrauen zu wecken, selbst wenn sie sich mit der Verteidigung einiger Werte tarnt. Heute verwendet man in vielen Ländern den politischen Mechanismus des Aufstachelns, Verhärtens und Polarisierens. Auf verschiedene Art und Weise spricht man anderen das Recht auf Existenz und eigenes Denken ab. Zu diesem Zweck bedient man sich der Strategie des Lächerlich-Machens, des Schürens von Verdächtigungen ihnen gegenüber, des Einkreisens. Man nimmt ihre Sicht der Wahrheit und ihre Werte nicht an. Auf diese Weise verarmt die Gesellschaft und reduziert sich auf die Selbstherrlichkeit des Stärksten. Die Politik ist daher nicht mehr eine gesunde Diskussion über langfristige Vorhaben für die Entwicklung aller und zum Gemeinwohl, sondern bietet nur noch flüchtige Rezepte der Vermarktung, die in der Zerstörung des anderen ihr wirkungsvollstes Mittel finden. In diesem primitiven Spiel von Disqualifizierungen wird die Debatte so manipuliert, dass sie über das Niveau von Kontroverse und Konfrontation nicht hinauskommt.

Während verschlossene und intolerante Haltungen, die uns von den anderen abschotten, zunehmen, verringert sich oder verschwindet paradoxerweise die Distanz bis hin zur Aufgabe der Privatsphäre. Alles wird zu einer Art Schauspiel, das belauscht und überwacht werden kann. Das Leben wird einer ständigen Kontrolle ausgesetzt. In der digitalen Kommunikation will man alles zeigen, und jeder Einzelne wird auf anonymem Weg zu einem Objekt, das bespitzelt, entblößt und in die Öffentlichkeit gezerrt wird.

Dies fördert das Aufwallen ungewöhnlicher Formen von Aggressivität, von Beschimpfungen, Misshandlungen, Beleidigungen, verbalen Ohrfeigen bis hin zur Ruinierung der Person des anderen. Dies geschieht mit einer Hemmungslosigkeit, die bei einem Zusammentreffen von Angesicht zu Angesicht nicht in der gleichen Weise vorkommt.

Wir können gemeinsam die Wahrheit im Dialog suchen, im ruhigen Gespräch oder in der leidenschaftlichen Diskussion. Das ist ein Weg, der Ausdauer braucht und auch vom Schweigen und Leiden geprägt ist. Die erdrückende Fülle von Information, die uns überschwemmt, bedeutet nicht mehr Weisheit.

Die wahre Weisheit beinhaltet die Begegnung mit der Wirklichkeit. Heute jedoch kann man alles herstellen, verbergen, verändern. Das führt dazu, dass man die direkte Begegnung mit den Grenzen der Wirklichkeit nicht erträgt. Folglich führt man einen Auswahl-Mechanismus durch und macht es sich zur Gewohnheit, das, was einem gefällt, sofort von dem, was einem nicht gefällt, das Attraktive vom Unliebsamen, zu trennen. Nach der gleichen Logik wählt man die Menschen aus, mit denen man die Welt teilen will.“

Diese treffende Analyse der aktuellen Situation und des politischen und medialen Diskurses stammt nicht von Sara Wagenknecht, auch nicht von Daniel Kehlmann oder einem anderen Parade-Intellektuellen unserer Zeit, sondern von Papst Franziskus. Es sind Zitate aus seinem höchst bemerkenswerten Rundschreiben „Fratelli tutti“ vom Oktober des Vorjahres, einem Aufruf zu mehr Geschwisterlichkeit und sozialer Freundschaft.

Meist wird, wenn es um die katholische Kirche geht, über Skandale, Konflikte und Personalpolitik berichtet. Den tiefen Wahrheiten jedoch, die sie verkündet, wird wenig Beachtung geschenkt. Vor allem in Europa meint man, das Christentum und seine Werte spielten keine Rolle mehr, seien nicht mehr zeitgemäß, wir moderne Menschen wüssten es besser. Doch gerade heute braucht es authentische Stimmen, die auf tiefe Wahrheiten hinweisen und Irrwege aufzeigen. Eine davon, eine wesentliche, ist die Stimme des Papstes mit dem Hinweis auf das Gewissen und die Nächstenliebe. Sie will zu Erneuerung und Neuanfang beitragen – wenn sie gehört wird.