Frieden und Freiheit beginnen im eigenen Haus

07.04.2022

Den Weltfrieden kann es nur geben, wenn auch im Inneren Frieden herrscht: Im Staat, in der Gesellschaft und bei jedem Einzelnen.

 

Entsetzen und Empörung herrschen allenthalben aufgrund des Einmarsches der russischen Armee in die Ukraine. Es sind Bilder, die betroffen machen und die man leider schon oft aus aller Welt gesehen hat: Verletzte, verängstigte Menschen, Kinder in Kellern, zerschossene Gebäude, Soldaten, Panzer. Wir dachten, zumindest in Europa werde es keine Eroberungskriege mehr geben. Und nun das. Aggression, Gewalt, Hass, gegenseitige Schuldzuweisungen.

In Anbetracht der moralischen Entrüstung über den Krieg und dessen Urheber, ist dies jedoch auch der Moment, innezuhalten und zu reflektieren. Wie kann es so weit kommen? Was sind die Ursachen? Woher kommt der Hass, die Gewalt, die Vorurteile, die Hetze, die Stereotypen, die Entmenschlichung? Wie kann es wieder Frieden geben?

Selbst wenn die Dimensionen nicht vergleichbar sind, so beginnen die großen Fehlentwicklungen doch immer im Kleinen. Es kann in der Welt keinen Frieden geben, wenn er nicht im eigenen Umfeld, im eigenen Land herrscht. Wie steht es also bei uns, in der westlichen Welt, in Österreich, bei uns selbst mit dem inneren Frieden? Gibt es nicht auch bei uns zunehmend Spaltung, Hetze, Schuldzuweisung, Sündenböcke, Ausgrenzung, Zwang, Vorurteile, ja Hass?

„Der Frieden beginnt im eigenen Haus“, meinte der große Philosoph und Psychiater Karl Jaspers. Und er wusste, wovon er sprach, denn er erlebte sowohl den Ausbruch und die Katastrophe des Ersten Weltkriegs als auch den Aufstieg und die Gräuel des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs mit. Zuerst hielt er es für unmöglich, als ein Freund im prophezeite, man werde eines Tages die Juden in Baracken bringen und diese anzünden. Und doch kam es so. Jaspers war Lehrer und Freund von Hannah Arendt, die sich intensiv mit totalitären Systemen beschäftigte. Im Vorwort zu ihrem Buch über Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft schrieb Jaspers: „Es liegt am Menschen und nicht an einem dunklen Verhängnis, was aus ihm wird.“ Es liegt also an jedem Einzelnen, ob er andere ausgrenzt, beschuldigt, hasst oder ob er andere Meinungen akzeptiert, Kompromisse eingeht und für Schwache und Ausgegrenzte eintritt. Es liegt an jedem Einzelnen, ob er bei einem Unrechtssystem mitmacht oder ob er dem eigenen Gewissen folgt.

Nach Ansicht Karl Jaspers gibt es den Weltfrieden, den äußeren Frieden, nur durch den inneren Frieden: Innerhalb der Staaten und im Inneren jedes Menschen. Sind die Menschen untereinander und eine Gesellschaft in Unfrieden, Streit, Aggression und Hass gefangen, so kann es auch in der Welt keinen Frieden geben.

Und diesen Frieden gibt es nur durch Freiheit, sowohl des Einzelnen als auch des Staates. Diese Freiheit und dieser Frieden müssen jedoch gelebt werden, die demokratische Verfassung allein genügt nicht. Eine Voraussetzung, um den inneren Frieden zu erhalten, ist die Kommunikation, dass man miteinander im Gespräch bleibt, Argumente austauscht

Die Freiheit wiederum kann nur aus der Wahrheit entstehen, stellte Jaspers fest. Dies ist gerade in Krisenzeiten eine Herausforderung, weil Lüge, Verdrehung und Halbwahrheit ein wesentliches Element der Propaganda darstellen.

Anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1958 brachte es Jaspers auf den Punkt: „Friede ist nur durch Freiheit, Freiheit nur durch Wahrheit möglich. Daher ist die Unwahrheit das eigentliche Böse, jeden Frieden Vernichtende: die Unwahrheit von der Verschleierung bis zur blinden Lässigkeit, von der Lüge bis zur inneren Verlogenheit, von der Gedankenlosigkeit bis zum doktrinären Wahrheitsfanatismus, von der Unwahrhaftigkeit des einzelnen bis zur Unwahrhaftigkeit des öffentlichen Zustandes.“

Jaspers wie Arendt glaubten fest an die Kraft der Vernunft, die Selbstbehauptung des Menschen, selbst in Entwurzelung und Chaos. Sie glaubten an die sittliche und politische Erneuerungskraft und an die Würde jedes Menschen.