Wie man ein Volk mittels Propaganda auf „Krieg“ programmiert

07.04.2022

Propaganda zählte stets zu den wichtigsten „Kriegswaffen“. Nicht nur für den Russland-Ukraine-Krieg heute, sondern auch für die USA im Ersten Weltkrieg.

US-Präsident Woodrow Wilson gilt bis heute als Friedensstifter, als Präsident, der den Frieden wollte und in einen Krieg gezwungen wurde. Er setzte auf „Sicherheit durch Demokratie“. Er ging mit seinem berühmten 14-Punkte-Programm, das wesentlich zum Kriegsende beitrug, in die Geschichtsbücher ein. Er setzte sich für das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ und den Völkerbund ein. 1920 wurde ihm postum der Friedensnobelpreis verliehen.

Doch man kann die ruhmreiche Geschichte dieses Präsidenten und die Rolle der USA im Ersten Weltkrieg auch anders lesen. Dieser Krieg war ein europäischer Krieg, ein Resultat eines unseligen Bündnissystems, ausgelöst von einem regionalen Konflikt, der sich binnen Wochen zu einem verheerenden Flächenbrand ausweitete. Die Bürger Amerikas ging dieser Krieg nichts an und man wollte neutral bleiben. Wilson trat 1916 zur Wahl an, mit dem Versprechen, dass die USA nicht am Krieg teilnehmen würden, und gewann. Doch bald begannen intern Überlegungen, wie man die Amerikaner umstimmen könnte.

Die US-Regierung ging dabei vor, als ob es sich um die Einführung eines neuen Produkts handeln würde: Es wurde eine Gruppe von Werbefachleuten engagiert, unter ihnen der Neffe Sigmund Freuds, Edward Bernays. Diese Gruppe plante und steuerte eine gigantische Propaganda-Aktion: Die Deutschen wurden auf riesigen Plakaten als Gorilla-ähnliche Monster dargestellt. Bekannte und beliebte Persönlichkeiten – heute würde man sie Influencer nennen – betrieben Kriegspropaganda, etwa Charlie Chaplin. Es wurden Kurzfilme gedreht, in denen Gräueltaten der deutschen Soldaten mit Schauspielern nachgestellt wurden. Dabei wurden die Grausamkeiten des Krieges noch weiter übertrieben, indem etwa behauptet wurde, die deutschen Soldaten würden Babys aus dem Fenster werfen. In den Zeitungen überschlugen sich die Journalisten mit Propaganda gegen die Mittelmächte. Nach etwa einem Jahr hatte man es geschafft: Der Meinungsschwenk war vollzogen, die Mehrheit der Amerikaner war nun für einen Kriegseintritt der USA. Die Ankündigung eines U-Boot-Kriegs von Seiten Deutschlands bot 1917 den Anlass für die Kriegserklärung.

Nun fragt man sich, worin das Interesse der USA bestehen konnte, sich in diesen fernen Krieg einzubringen? In den Jahren zuvor war es zunehmend zu sozialen Unruhen im Land gekommen. Die Fabrikarbeiter fühlten sich von den Unternehmern ausgebeutet, es gab Aufstände und Tote, die Lage drohte zu eskalieren. Der Krieg bot eine Gelegenheit, die Massen abzulenken, auf einen äußeren Feind zu lenken, und für Ruhe zu sorgen. Diese Rechnung ging mittels der geschickten PR voll auf.

Die USA waren auch interessiert an einer Neuordnung Europas: In Russland kam es ab Februar 1917 zu Hungerrevolten, was den Bolschewisten Auftrieb verlieh. Der Funke der Revolution sollte nicht auf die zermürbten, kriegsmüden Völker Europas überspringen. Die Monarchen Europas sollten nicht wie im zaristischen Russland durch Bolschewiken, sondern durch den amerikanischen Demokratiebegriff ersetzt werden. Ein an sich hehrer und letztlich erfolgreicher Anspruch. Den USA ging es jedoch um mehr: Diese Neuordnung eines demokratischen Europas sollte unter der Führerschaft der USA geschaffen werden. Dieser Plan ging vollkommen auf. Wilsons Friedenspläne und das „Selbstbestimmungsrecht“ führten jedoch zu neuen Ungerechtigkeiten und zur Zerschlagung der alten Reiche, insbesondere Österreich-Ungarns. Damit kam es zu einer Destabilisierung in Zentraleuropa. Und sie bargen den Kern weiterer, verheerender Konflikte in sich.

Wenn sich auch die Gründe, die Parteien und die Schauplätze ändern: Kriege werden nie aus moralischen Gründen geführt, weil man der vermeintlich guten Sache zum Sieg verhelfen will, sondern vor allem aufgrund von Interessen. Das Volk wird mittels Propaganda und Hetze zum Krieg getrieben und hat letztlich die Folgen zu tragen.