Der größte Feind der Wahrheit ist die Halbwahrheit

12.03.2022

Die Wirklichkeit ist grau mit Schattierungen. Das gilt sowohl für aktuelle Ereignisse als auch für die Weltgeschichte.

Gut oder böse, schwarz oder weiß, Freund oder Feind: Das bipolare Denken, das zu Schablonen führt, dominiert den öffentlichen, politischen und privaten Diskurs. Es ist einfacher, bequemer und man kann Themen und Personen rasch abhaken. Rasch eingeteilt, erledigt.

Wir neigen zu dieser Denkweise, obwohl die Realität sehr komplex ist und sich die Dinge meist im Graubereich, mit allerlei Schattierungen bewegen. Das betrifft nicht nur aktuelle, weltpolitische Ereignisse, sondern auch historische Ereignisse und Persönlichkeiten. Auch Vergleiche sind schwierig, wie etwa die Situation der Ukraine heute mit Österreich im Jahr 1938. Tatsächlich funktionieren historische Vergleiche nicht, weil sich Geschichte eben nicht wiederholt.

Österreich war in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts in einer sehr schwierigen Situation: Es war zu einem Kleinstaat geschrumpft, der als nicht überlebensfähig galt. Es wurde von der Weltwirtschaftskrise hart getroffen. Die Verhältnisse waren instabil, durch ständige gewaltsame Auseinandersetzungen, unversöhnliche politische Lager, Hetze und Regierungskrisen. Unmittelbar nach der Machtergreifung Adolf Hitlers in Deutschland 1933 verstärkte sich der Terror der Nationalsozialisten auch in Österreich in Form von Sprengstoffattentaten. Die NSDAP wurde verboten, die Rädelsführer verhaftet. Nach dem Februaraufstand 1934 wurde auch die Sozialdemokratische Partei verboten. Wenige Monate später erfolgte ein Putschversuch österreichischer Nazis. Mittlerweile ist erwiesen, dass der Befehl dazu direkt von Hitler ausging, der dies damals vehement bestritt.

Der Druck auf Österreich wurde beständig erhöht, bis es schließlich zum folgenschweren Treffen zwischen Hitler und Bundeskanzler Schuschnigg kam. Letzterer ging taktisch ungeschickt vor. Er musste Zugeständnisse machen. In einem Akt von Mut rief Schuschnigg schließlich die Volksabstimmung über die Eigenständigkeit Österreichs aus. Es gelang in kürzester Zeit eine unglaubliche Mobilisierung, auch der Arbeiterschaft. Eine patriotische Welle ergriff das Land, rot-weiß-rote Fahnen und Österreich-Parolen überall. Und dann kam am 12. März der Einmarsch.

Bis heute hält sich die These, dass der „Anschluss“, wie er in der NS-Propaganda genannt wurde, freiwillig erfolgt sei. Schließlich wäre kein Schuss gefallen, die Grenzbalken waren offen und die Menschen hätten am Straßenrand Hitler bei seinem Triumphzug nach Wien zugejubelt. Folgt man dieser Sichtweise, so ist dies jedoch nur die halbe Wahrheit. Und Halbwahrheiten sind bekanntlich der größte Feind der Wahrheit.

Schuschnigg hatte vielmehr dem Oberbefehlshaber des Bundesheeres, General Zehner, verboten, den Schießbefehl zu geben. Zehner wollte kämpfen. Unmittelbar nach dem Einmarsch wurde er von der Gestapo ermordet. Die gesamte politische Führung wurde verhaftet und ins KZ Dachau deportiert. In den Wochen danach rollte eine Verhaftungswelle durchs Land, denen den Nazis missliebige Personen zum Opfer fielen, so sie nicht rechtzeitig geflohen waren. Dies betraf auch jene Menschen, die zuvor aus Deutschland geflohen und in Österreich Zuflucht gesucht hatten.

Es stimmt, dass Österreich zum Zeitpunkt der Annexion keine Demokratie war. Es stimmt, dass politisch Andersdenkende unterdrückt worden waren. Es stimmt, dass viele Menschen große Hoffnungen auf die neuen Machthaber setzten. Aber es stimmt nicht, dass 99,7 Prozent der Österreicher den „Anschluss“ wollten – dies war das Ergebnis der Volksabstimmung im April 1938. Diese fand unter der Androhung von Repression statt und war keinesfalls frei und geheim. Wenn Hitler so sicher gewesen wäre, dass die von Schuschnigg geplante Abstimmung im März für den „Anschluss“ ausgegangen wäre, wieso sollte er dann das Risiko einer militärischen Aktion eingehen?

Richtig ist, dass Österreich am Vorabend des 12. März um Hilfe ersucht hatte. Es hatte zu diesem Zeitpunkt aber keine Freunde.