Eigenständiges Denken kann durch nichts ersetzt werden

17.12.2021

Das Selberdenken sollte man nicht auf „Dr. Google“ auslagern. Es braucht nicht bloß Informationen, sondern Bildung und Kritikfähigkeit.

 

Digitale Medien werden unser Leben verändern. Diese Vorhersage ist in noch weitgehenderem Maß eingetreten als erwartet. Es ist höchst praktisch, mittels Computer zu kommunizieren, schnell zu googeln, wenn man etwas wissen will, oder online eine Konferenz abzuhalten, statt dafür stundenlang anzureisen. Sucht man Unterhaltung, bietet die digitale Welt eine Fülle von Möglichkeiten und Angeboten.

Das alles ist sehr verlockend. Man muss sich nichts mehr merken, man kann ja ganz einfach im Internet nachschauen. Aber auch für komplexe Aufgaben, wie Referate und Seminararbeiten, kann man im Internet diverse Dienste nutzen. Zuerst wird mal gegoogelt, dann bei Wikipedia nachgeschlagen und den Rest sucht man sich aus Online-Artikeln zusammen. Will man besonders schlau wirken, würzt man das Ganze mit einem Experten-Zitat. Das alles ist sehr bequem, rasch und effektiv.

Die Digitalisierung hat damit unser Denken verändert. Wir lassen zunehmend andere für uns denken. Wir verlernen, eigenständig Fragen zu stellen, kreativ zu sein und alternative Antworten zu suchen. So etwa werden wir allein durch die Auswahl der Information, die uns Google vorschlägt, in unserem Denken beeinflusst. Google denkt statt uns nach, was uns interessieren könnte und wählt aus, was für uns wichtig ist. In Wahrheit wird jedoch das als wichtig erachtet, wofür am meisten bezahlt wird, denn die Reihung der Artikel ist käuflich. Und es werden Hinweise nicht angeführt, die aus inhaltlichen Gründen aussortiert wurden. Macht man den Test und sucht ein Stichwort auch in anderen Suchdiensten, so wird die Manipulation durch Auswahl, Reihung und Weglassen verschiedener Artikel rasch klar.

Ähnlich ist es beim Internet-Lexikon Wikipedia. Dies wird als eine Art Internet-Brockhaus angesehen, doch das ist es nicht. Beim Brockhaus gab und gibt es Fachleute für jedes Teilgebiet, die die betreffenden Beiträge redigieren und die Auswahl vornehmen. Bei Wikipedia ist es der Zufall der „Schwarmintelligenz“, der die Ausgestaltung eines Artikels bestimmt. Im Hintergrund arbeiten anonyme Redakteure, die meist keine fachliche Qualifikation aufweisen und die bestimmen, welche Änderungen vorgenommen werden dürfen und welche nicht.

Kritisches Hinterfragen ist aber nicht nur im Netz unabdingbar, sondern auch beim Konsum traditioneller Medien wie Fernsehen und Zeitungen. Man kann sich nicht einfach darauf verlassen, dass es schon stimmen wird. Das Vertrauen in Medien, die uns das Denken abnehmen, ist dennoch groß. Somit werden einfachste Fehler oft nicht mehr als solche erkannt.

Es fehlen das Vertrauen in die eigene Erfahrung, Wahrnehmung und das Verknüpfen mit anderen Informationen. Die geistige Leistungsfähigkeit, das eigenständige Denken, die Kritikfähigkeit, das ständige Hinterfragen von angeblich feststehenden Tatsachen und die Fähigkeit, Informationen einordnen zu können, nehmen ab. Es mangelt immer mehr an Hausverstand, logischem Denkvermögen und Übersicht in der Informationsflut.

Der bekannte Hirnforscher Manfred Spitzer sah den Trend schon vor Jahren voraus: Statt selbst zu denken, wird einfach von Anderen übernommen, und das recht wahllos. Wissenserwerb funktioniert aber anders: Selbst Fragen stellen, überlegen, sich Wissen aus Quellen aneignen, auch die Quellen selbst auf deren Qualität und Vertrauenswürdigkeit hin überprüfen, das Ganze dann eigenständig zusammenfügen und selbst seine Schlussfolgerungen daraus ziehen. Nur durch eine derartige Vorgehensweise sind selbstständiges Denken und echter Wissenserwerb möglich. Alles andere entspricht dem Prinzip „copy and paste“ und führt zu keiner neuen Erkenntnis.

Um eigenständige Erkenntnisse zu gewinnen, braucht es jedoch Bildung, nicht bloß eine Ansammlung von Informationen. Und eine Erkenntnis haben wir in den vergangenen Monaten gewonnen: Dass der Stellenwert von Bildung nicht selbstverständlich ist.