Moral kann Diskurs und das eigenständige Denken nicht ersetzen

18.11.2021

Moral und Haltung verdrängen eine differenzierte, kritische und ausgewogene Information und Diskussion. Panikmache nutzt den Mächtigen.

„Klimakrise“, „Flüchtlingskrise“ oder „Gesundheitskrise“: Bei allen großen aktuellen Themen dominieren mittlerweile Gesinnungsethiker den öffentlichen und medialen Diskurs. Es geht nicht mehr nur um Sachthemen, deren Lösung aufgrund der Komplexität des Problems eines umfassenden Diskurses bedürfte und um die gerungen werden müsste.

Der Konjunktiv ist hier durchaus angebracht, denn an die Stelle differenzierter Sachlichkeit  sind Haltung und Moral getreten: Es gibt nur noch Täter und Opfer, Gut und Böse. Angeboten werden einfache Schablonen, damit sich jeder orientieren kann, um im Meinungsfeld auf der „richtigen“ Seite zu stehen. Das führt dazu, dass bloß bewertet wird, statt zu diskutieren. Das trifft sowohl auf die Politik als auch auf die Massenmedien und die sozialen Medien zu.

Der deutsche Medientheoretiker Norbert Bolz hat das in seinem 2020 erschienen Buch „Die Avantgarde der Angst“ sehr pointiert ausgedrückt: Die Massenmedien versorgen die Gesellschaft nicht mehr mit Information, sondern mit einem Moralschema. Wer nach Moral rufe, sei nicht bereit, umzulernen und wolle sich das Denken ersparen. Statt nachzudenken, verteile man Achtung und Missachtung.

Dass die Politik sich gerne der Dämonisierung des politischen Gegners bedient, ist altbekannt. In den Qualitätsmedien liberaler Demokratien ist es ein recht neues Phänomen. Doch warum ist das so? Bewertungen nach den Moralprinzipien von Gut und Böse machen eine immer kompliziertere Welt einfach. Früher war es Aufgabe der Parteizeitungen, den Lesern nicht nur Information, sondern auch Orientierung zu geben und das selbstständige Denken und Urteilen abzunehmen. Diese gibt es nicht mehr. Auch andere Institutionen, wie etwa die Religionen, fallen als Orientierungshilfe für immer mehr Menschen aus. Man hat die Religion entsorgt, an ihre Stelle ist die Moral getreten. Vor allem in Krisensituationen, ob gesellschaftlich oder privat, gerät man jedoch rasch an eine Grenze, Verwirrung macht sich breit.

Interessant ist, dass das neue Moralschema sehr dogmatisch daherkommt, die Freiheit einengt und Zwang ausübt. Die modernen Haltungsmoralisten sprechen immer nur „ex cathedra“. Kritiker werden streng abgeurteilt, zu „Leugnern“ erklärt und auf dem medialen Scheiterhaufen verbrannt.

Eine weitere Methode ist das Erzeugen von Panik. Viele politische und mediale Akteure bedienen sich der Panik, um die Menschen zu erziehen. Ein Beispiel dafür ist die Klimaschutz-Aktivistin Greta Thunberg. Ihr Ausruf „Ich will, dass ihr in Panik geratet“, richtete sich damals gegen die Politik. Doch auch diese weiß die Panik zu nutzen, nämlich als Instrument, um einen Ausnahmezustand herbeizuführen. Die Politik der Angst funktioniert einfach und effektiv: Man macht aus einem Problem eine Katastrophe und ruft den Ausnahmezustand aus. Den benötigt man, um autoritär zu handeln und eine radikale Änderung herbeizuführen.

Man muss dazu nur Ängste erzeugen oder vorhandene nutzen, diese ständig schüren und dann radikale Lösungen umsetzen. Ein Ausnahmezustand, das hat sich in der Geschichte vielfach gezeigt, ist für die Mächtigen verlockend. Er bietet die Gelegenheit, „Notstandsverordnungen“ zu erlassen und damit Dinge durchzusetzen, die sonst auf erbitterten Widerstand stoßen würden. Er erspart den lästigen Diskurs, Einsprüche kritischer Bürger und lange, mühsame Entscheidungsfindungen. Ein Ausnahmezustand erzeugt den Ruf nach starker und strenger Führung. Folgerichtig wurden bereits der „Klimanotstand“ und der „Gesundheitsnotstand“ ausgerufen.

Was allerdings die Geschichte auch zeigt, ist, dass Ausnahmezustände oft fatale Auswirkungen haben. Es folgte meist eine tiefe gesellschaftliche Krise bis hin zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Sachliche Differenzierungen und offene Diskussionen sind zwar mühsam, enden aber meist friedlich. Und führen viel eher zur Lösung des Problems.