Deutsche Ärzte haben gute Argumente gegen eine Kinder-Impfung

15.06.2021

Die kritische Debatte in Deutschland über die Corona-Impfung für Kinder wird bei uns wenig wahrgenommen. Das sollte sie aber.

Noch bevor die EMA entschieden hatte, ob der Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer auch für Kinder ab 12 Jahren angewendet werden darf, war die politische Kampagne zur Impfung von Kindern und Jugendlichen bereits voll angelaufen. Als Hintergrund: Die EMA will Impfstoffe für diese Gruppe deshalb vorläufig zulassen, damit sie auch vorerkrankte Kinder erhalten können, bisher war dies untersagt. Eine vorläufige Zulassung ist jedoch keine generelle Empfehlung. Mitglieder der EMA sprechen vielmehr von einer Abwägung von Nutzen und Risiko, bei Kindern unter 12 Jahren haben sie generell Bedenken.

Ob eine Impfung von Kindern überhaupt sinnvoll, zielführend und medizinisch vertretbar ist, darüber wird in Österreich noch kaum diskutiert. Der Epidemiologe Gerhard Gartlehner forderte daher kürzlich in dieser Zeitung eine „differenzierte und evidenzbasierte Diskussion“. Eine flächendeckende Impfung von Kindern solle jedenfalls unter Berücksichtigung der Nebenwirkungen und Risikofaktoren „genau überlegt werden“.

 

In Deutschland ist die öffentliche Kontroverse hingegen bereits voll entbrannt. Der Verband der deutschen Kinder- und Jugendmediziner etwa spricht sich strikt gegen eine derartige Impfung aus. Deren Präsident, Jörg Dötsch, wurde in einem Interview mit der FAZ sehr deutlich: Kinder seien ohnehin schon die Leidtragenden der Pandemie, obwohl ihr Erkrankungsrisiko gering sei. Dötsch lehnt Erwägungen, dass Kinder zum Schutze der Erwachsenen geimpft werden, kategorisch ab: „So etwas darf nicht passieren!“ Jene seltenen Fälle, in denen Kinder schwer erkrankten, so der Direktor der Kölner Kinderklinik, seien mittlerweile gut behandelbar. Eine Impfung für Kinder könne es erst mit einer regulären Zulassung geben, denn Sicherheit gehe hier eindeutig vor Schnelligkeit. Es brauche eine noch intensivere Prüfung, die frei von politischem Druck erfolgen müsse.

Der politische Druck auf die Experten ist in Deutschland enorm. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will die Impfung möglichst rasch um- und durchsetzen. Und das, obwohl das beratende Expertengremium dagegen ist. Denn die Ständige Impfkommission (Stiko) will sich gegen eine Impfung von gesunden Kindern und Jugendlichen aussprechen, ungeachtet der Entscheidung der EMA und der Politik.

Der Vorstand des Deutschen Ärztetages, der Standesvertretung der Ärzte, sprang hingegen der Politik bei. Die Argumentation des Ärztetages ist nicht medizinisch: Nur durch die Impfung könne ein normaler Schulbetrieb gewährleistet und ein weiterer Lockdown verhindert werden. Ausgeblendet wird dabei, dass viele Staaten während der gesamten Pandemie die Schulen offenhielten. Viele deutsche Ärzte distanzierten sich prompt von ihrer Vertretung. In seltener Einigkeit meinten auch der Virologe Christian Drosten und der Epidemiologe Klaus Stöhr, dass die Infektionswege an Schulen vor allem von Erwachsenen ausgingen. Daher sei es zweifelhaft, ob eine Impfung von Kindern zur Eindämmung der Epidemie betragen könne.

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin veröffentlichte ebenfalls eine kritische Stellungnahme: Zum Nutzen einer Impfung an Kindern gebe es bisher keine validen Daten. Hingegen seien schwere Impf-Nebenwirkungen wesentlich häufiger als bei Erwachsenen. Kinder und Jugendliche hätten ein geringes Risiko, schwer zu erkranken. Es gebe noch keine Daten zur mittel- und langfristigen Sicherheit der Impfstoffe. Da es sich um neuartige Impfstofftechnologien handle, sei die Sicherheit besonders wichtig. Eine Impfung sei daher nur bei schweren Vorerkrankungen im Rahmen von kontrollierten Studien denkbar. Fazit der Ärzte: All dies schließe eine flächendeckende Anwendung der Impfstoffe an Kindern und Jugendlichen aus.

Es ist höchste Zeit, dass auch in Österreich eine fundierte Diskussion geführt wird. Es ist höchste Zeit, kritische Stimmen zu hören und ernst zu nehmen. Gerade in dieser Frage, in der es um das Wohl der Kinder geht.