Wer wenig hat, lebt deshalb nicht am „Rand der Gesellschaft“

28.12.2018

Wer Arme pauschal als soziale Außenseiter betrachtet, definiert damit Menschen nur über Geld und Konsum. Das ist respektlos und demütigt zusätzlich.

Regelmäßig rüttelt uns die Botschaft von Sozialorganisationen auf: Hunderttausende Menschen in Österreich sind arm oder von Armut gefährdet. Man kann es kaum glauben, dass dies in einem Land mit weltweit rekordverdächtig hohem Anteil an Sozialausgaben noch immer möglich ist. Die Hauptbetroffenen sind Migranten und Alleinerzieherinnen, sowie Familien mit mehreren Kindern. Zurecht wird in der Debatte um die Mindestsicherung daher die Kürzung bei Mehrkindfamilien kritisiert. Aber auch „alte Mütter“ zählen dazu, über sie wird kaum geredet. Ausgehend von Vorarlberg hat sich eine Gruppe von Frauen gebildet, die eine „Oma-Revolte“ ausgerufen haben. Sie traten im Mai sogar in einen Hungerstreik, weil ihre jahrzehntelange Erziehungsarbeit nicht berücksichtigt wird. Sie haben mehrere Kinder großgezogen und leben nun in echter Armut. Das ist kein Schicksal, sondern eine schmerzende Lücke im Sozialnetz.

Es geht den „Omas“ aber nicht nur um mehr Geld, sondern auch um Respekt und Anerkennung. Und dies ist ein zentraler Punkt beim Thema Armut. Es ist schmerzlich, wenn das Geld nicht reicht, um die Wohnung zu heizen, wenn man beim Einkauf genau nachrechnen muss, damit man bei der Kassa nicht der Peinlichkeit ausgesetzt ist, ein Produkt zurücklegen zu müssen; wenn man in Sorge vor der nächsten Stromrechnung oder einer kaputten Waschmaschine lebt. Nun gibt es wohlmeinende Organisationen, die armen Menschen helfen wollen und auf deren Situation hinweisen. Eine christliche Organisation ließ unlängst verlauten: „Gemeinsam können wir Menschen in Not beistehen und ihnen helfen, vom Rand wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückzukehren.“ In ähnlicher Formulierung vernimmt man diese Phrase von den „Armen, die am Rand der Gesellschaft leben“ häufig. Doch was bedeutet das? Nur, weil man weniger als der Durchschnitt besitzt, weil man Geldsorgen hat, ist man nicht mehr Teil der Gesellschaft, ist also ein Außenseiter?

Und was ist dieser „Rand der Gesellschaft“ eigentlich? Wer definiert, wer zur „Gesellschaft“ gehört und wer nicht, und aufgrund welcher Parameter? Lebt eine Familie mit mehreren Kindern, die sich nur Second-Hand-Kleidung und keinen Urlaub leisten kann, deshalb „am Rand der Gesellschaft“? Sind sie deshalb „asozial“? Ist ein Mindestrentner, der sich keinen Theater- oder Restaurantbesuch leisten kann, deshalb ein gesellschaftlicher Außenseiter? Ist das wirklich ein christlicher oder humaner Zugang?

Es ist unbestreitbar, dass in einem relativ reichen Land und Wohlfahrtsstaat wie Österreich niemand in Not leben sollte, dass man helfend einspringen muss. Dabei sollte jedoch der Mensch in seiner Würde und entkoppelt von materiellen Kriterien gesehen werden. Es scheint jedoch, dass wir heute zunehmend den Wert des Menschen nach seinem Einkommen und seiner Teilhabe am Konsum bemessen. Dieses Denken ist offenbar bis tief in christliche Kernschichten vorgedrungen. Doch nicht erst seit Erich Fromm wissen wir, dass der Selbstwert, also das „Sein“ eines Menschen, wenig bis nichts mit dem „Haben“ zu tun hat.

Dennoch: Wer Mangel leidet, schämt sich meist dafür und will diesen verbergen. Daher braucht es viel Feingefühl und Respekt, damit der Hilfsbedürftige sich nicht gedemütigt fühlt. Vielmehr geht es um den Menschen an sich und darum, was er braucht und wie man hilft, ohne die Würde zu verletzen. Am besten hilft man so, dass der Andere das Gefühl hat, er habe sich letztlich selbst geholfen. Und es sollte nicht nur der materielle Mangel im Fokus stehen, denn Armut kennt viele Spielarten: Immer mehr Menschen leiden heute unter Einsamkeit, weil sie keine Verwandten (mehr) haben, keine Freunde, keinen Gesprächspartner. Isolation und Einsamkeit sind große Themen in der westlichen Welt, Mangel an Liebe und Zuwendung, an Zeit für Kinder und Alte. Denn: Wer keine sozialen Bindungen und Kontakte hat, steht tatsächlich außerhalb der Gemeinschaft.